In sozialen Netzwerken und Debatten tauchen oft provokante Aussagen wie „Es gibt 72 Geschlechter“ oder „Mittlerweile sogar 76 Geschlechter“ auf. Solche Zahlen werden meist spöttisch verwendet, um die Geschlechtervielfalt oder Gender-Themen ins Lächerliche zu ziehen. Häufig fallen dann auch ironische Sprüche wie „Ich identifiziere mich als Apache-Kampfhubschrauber“. Im Folgenden untersuchen wir, woher diese konkreten Zahlen stammen, ob es seriöse Quellen dafür gibt, und wie sie aus dem Kontext gerissen werden, um Gender-Diversity zu karikieren. Außerdem wird erläutert, wie solche Zahlen zustande kommen und was tatsächlich dahinter steckt.
Ursprung in seriösen Quellen oder Wissenschaft?
Wissenschaftlich ist keine fixe Zahl von z. B. genau 72 oder 76 Geschlechtern anerkannt – Gender Studies und Psychologie sprechen vielmehr von einem Spektrum oder Kontinuum der Geschlechtsidentitäten, ohne eine endliche Liste. Allerdings gibt es Informationsquellen, die solche Zahlen nennen. Ein Beispiel ist ein medizinischer Info-Artikel (MedicineNet) von Dr. Shaziya Allarakha. Dort heißt es: „Neben männlich und weiblich gibt es 72 weitere Gender-Identitäten”. In dieser Liste werden zahlreiche Begriffe von Agender (keine Geschlechtsidentität) bis Two-Spirit aufgezählt. Wichtig ist: Solche Listen in populären Artikeln sind beschreibend gemeint – sie versuchen gängige Begriffe für Identitäten zusammenzutragen, erwecken aber teilweise den Eindruck, es gäbe eine feststehende Anzahl „von der Wissenschaft definierter“ Geschlechter. Das ist nicht der Fall; die tatsächliche Vielfalt lässt sich nicht auf eine starre Zahl festlegen.
Offizielle Stellen oder Gesetzestexte nennen in der Regel keine derart hohen Zahlen. Staaten erkennen meist 2 oder 3 Geschlechtskategorien (z. B. in Ausweisen) an. Allerdings haben Social-Media-Plattformen und Organisationen mit LGBT*-Bezug aus praktischen Gründen umfangreiche Listen erstellt, was zum Ursprung solcher Zahlen führte (siehe nächster Abschnitt). Diese Listen sind wohl die Quelle, aus der die vielzitierten Zahlen wie 72 oder 76 überhaupt entnommen wurden. Eine akademische Quelle, die seriös genau „72 Geschlechter“ behauptet, gibt es nicht – vielmehr stammen die Zahlen aus Auflistungen von Identitäten, nicht aus Biologie-Lehrbüchern.
Soziale Netzwerke und Listen als Ursprung der Zahlen
Tatsächlich gehen die genannten Zahlen zu einem großen Teil auf Auswahloptionen von sozialen Netzwerken zurück. Ein prominentes Beispiel ist Facebooks Einführung zusätzlicher Geschlechtsoptionen:
- Facebook (2014) führte im englischsprachigen Raum zunächst ~50 neue Custom Gender-Optionen ein (zusätzlich zu „male“ und „female“). In Deutschland wurden wenig später 60 Bezeichnungen eingeführt. Diese Liste umfasste etwa „androgyner Mensch“, „bigender“, „Trans Frau“* usw. – erarbeitet mit dem Lesben- und Schwulenverband, der anmerkte, dass manche Begriffe scheinbar dasselbe bedeuten. Der Grund: es gab (und gibt) keine einheitlichen Begriffe, also wurden Synonyme mit aufgenommen.
- Spätere Erweiterungen: In Großbritannien erweiterte Facebook auf über 70 Geschlechtsoptionen. Auch in anderen Ländern/Sprachen variierte die Zahl leicht. Ein Experte beschreibt: „2014 hat Facebook 56 zusätzliche Labels hinzugefügt (mit männlich/weiblich waren es 58). Später waren es über 70 Labels.“. Hier liegt offenbar der Kern der oft genannten „72“ – Facebook bot zeitweise um die 70 Identitäts-Labels an, was viele Leute vereinfacht als „72 Geschlechter bei Facebook“ kolportierten.
- Tumblr & Online-Communities: Unabhängig von Facebook entstanden auf Plattformen wie Tumblr umfangreiche Gender-Masterlists in LGBT*-Communities. Dort wurden Dutzende bis Hunderte mikrospezifische Begriffe für Genderidentitäten gesammelt. In englischsprachigen Foren entstand daraus spöttisch der Ausdruck „76 genders“. Dieses Schlagwort bezieht sich auf die wachsende Zahl exotischer Gender-Begriffe in bestimmten Internetkreisen. Die Zahl 76 war dabei nie eine offizielle Vorgabe – es handelt sich um einen Running Gag bzw. überzeichneten Verweis auf Tumblr-Listen, die ständig länger wurden. („76“ stand sinnbildlich für „sehr viele“ und wurde in Memes aufgegriffen, obwohl die Tumblr-Listen teils über 100 Begriffe enthielten.)
Zusammengefasst stammen die konkreten Zahlenangaben also hauptsächlich aus praktischen Listen (wie den Profil-Optionen großer Plattformen oder Community-Masterlists). Facebooks vielfach diskutierte Gender-Liste – mit anfänglich 50–60 und später 70+ Optionen – ist vermutlich die Quelle für „72 Geschlechter“. Die Zahl 76 hingegen entstammt eher der Internet-Folklore rund um Tumblr und wurde nie von einer offiziellen Stelle so festgehalten, hat sich aber als Meme verselbstständigt.
Aus dem Kontext gerissen und als Spott verwendet
Die erwähnten Zahlen werden in öffentlichen Debatten fast nie im ernsthaften Kontext genannt, sondern meist um sich über Gender Studies oder Trans/Nonbinary-Menschen lustig zu machen*. Die ursprünglichen Listen hatten zum Ziel, Menschen mehr Ausdrucksmöglichkeiten zu geben – doch Kritiker präsentieren die blanke Zahl gern so, als würde behauptet, es gäbe z. B. 72 biologische Geschlechter. Das ist ein Missverständnis (teils absichtlich gestreut):
- Bei Facebook ging es um Identitätsbezeichnungen, keine neuen biologischen Geschlechter. Dennoch wurde in polemischen Kommentaren daraus „Facebook führt 72 Geschlechter ein!“ Viele verstehen oder verdrehen es so, als würde behauptet, es gäbe 72 klar abgrenzbare Geschlechterkategorien in der Realität – was die Sache natürlich lächerlich erscheinen lässt.
- Diese Verzerrung wird oft mit sarkastischen Beispielen kombiniert. Ein bekanntes Meme ist „I sexually identify as an attack helicopter“ – im Deutschen oft: „Ich identifiziere mich als Apache-Kampfhubschrauber“. Es entstand 2014/2015 auf Reddit/4chan und diente ausdrücklich dazu, trans und nichtbinäre Personen zu verspotten*. Die Logik dahinter: „Wenn es 72 Geschlechter gibt, dann kann ja jeder beliebigen Unsinn als Geschlecht behaupten, z.B. Hubschrauber.“ Dieses Strohmann-Argument soll Gender-Diversity absurd erscheinen lassen. (Tatsächlich gibt es natürlich keinen seriösen Ansatz, Spezies oder Objekte als „Geschlecht“ zu definieren – das Beispiel ist reine Polemik.)
- Politische Polemik: In Deutschland haben sich insbesondere rechtskonservative Kreise dieser Zahlen bedient. So zog etwa ein AfD-Abgeordneter im Bundestag höhnisch über „72 Geschlechter“ her – in einer Aufzählung dessen, was bei „links-grüner“ Politik angeblich herauskomme, rief er: „…er bekommt offene Grenzen, Massenmigration, 72 Geschlechter und die rot-grüne Regenbogenflagge…“. Solche Aussagen lösen bei Anhängern Gelächter oder Applaus aus, weil sie die Überzeichnung verstehen: Die Zahl 72 symbolisiert hier das vermeintlich Absurde „Gender-Wahn“-Ideal der politischen Gegenseite. Auch in Kommentarspalten findet man sarkastische Hinweise, neben „Männlein und Weiblein“ müssten ja nun auch „die anderen 72 Geschlechter“ berücksichtigt werden, oft in einem Atemzug mit Forderungen nach Gendersternchen, „Quoten für Divers*“ usw. – all das als Spott über Diversität.
Kurz gesagt: Die Zahlen wurden zum Kampfbegriff. Kaum jemand, der „72 (oder 76) Geschlechter“ sagt, tut das in neutral-wissenschaftlicher Absicht. Es ist fast immer ein sarkastisches Zitat – entweder um die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten ins Lächerliche zu ziehen oder um anti-progressive Stimmung zu machen. Dabei wird ignoriert (oder nicht verstanden), was diese Zahlen ursprünglich bedeuten sollten.
Wie kommen solche hohen Zahlen zustande?
Ein wichtiger Punkt zum Verständnis: Was genau wird da gezählt? Die hohen Zahlen ergeben sich nicht dadurch, dass plötzlich Dutzende unbekannte „biologische Geschlechter“ entdeckt wurden – sondern durch die Aufzählung von Begriffen für Geschlechtsidentitäten. Diese Begriffe können sehr fein unterscheiden, teilweise auch synonym sein. Einige Gründe, warum Listen auf 50+ Einträge kommen:
- Synonyme und Varianten: In Facebooks deutscher 60er-Liste waren Begriffe enthalten, die sich stark überschneiden. Beispielsweise tauchten sowohl „Trans-Mann“ als auch „trans Mann“* (mit Sternchen) und „Transgender Mann“ auf – im Kern sehr ähnlich. Ebenso gab es „Cisgender Frau“, „Cis-Frau“ usw.. Der LSVD erklärte dazu, man habe verschiedene Begriffe aufgenommen, weil es (2014) keine einheitliche Terminologie gab und verschiedene Menschen unterschiedliche Worte bevorzugen. Daher zählen manche Listen faktisch gleiche oder sehr ähnliche Identitäten mehrfach. Kritiker außenstehend sehen dann nur die Zahl X und halten fälschlich X vollkommen unterschiedliche Geschlechter für behauptet.
- Feinere Identitäten: Manche Labels unterscheiden Aspekte, die im Alltag selten als „eigenes Geschlecht“ gesehen würden. Z. B. „Bigender“ (zwei Geschlechtsidentitäten), „Agender“ (keine Identität), „Genderfluid“ (wechselnde Identität) – all dies sind Selbstbeschreibungen für persönliche Identitätsgefühle. Sie erweitern das Verständnis von Gender, aber sind nicht vergleichbar mit den traditionellen Kategorien Mann/Frau. Eine Liste kann also schnell Dutzende solcher Identitäten sammeln, ohne dass die breite Öffentlichkeit sie alle kennt oder nutzt.
- Community-Prägungen: Besonders auf Plattformen wie Tumblr entstanden sehr spezifische Begriffe (z. B. “aerogender”, “amicagender”, “voregender” usw.), oft von Einzelpersonen geprägt. Viele davon existieren fast nur in diesen Communities. Eine Masterlist führt sie der Vollständigkeit halber auf – auch wenn vielleicht nur eine Handvoll Menschen sich je so bezeichnete. So kommt etwa die im Netz kursierende Liste von 72 Gendern zustande: Sie enthält neben etablierten Identitäten auch etliche Nischenbegriffe aus Internet-Subkulturen. Die hohe Zahl spiegelt also eher die Kreativität (und teils Satire) der Community wider, nicht eine offiziell anerkannte Vielfalt im täglichen Leben.
Zusammengefasst: Die Zahlen 72, 76 etc. entstehen durch das Zusammenzählen aller möglichen Bezeichnungen für Geschlechtsidentitäten. Dabei werden Synonyme, Feinabstufungen und seltene Begriffe mitgezählt, um niemanden auszuschließen. Es handelt sich um Labels, nicht um klar trennbare, völlig unterschiedliche Geschlechter im biologischen Sinn. Wenn Gegner der Gender-Vielfalt diese Zahlen ins Feld führen, ziehen sie meist falsch gleich, dass hier „X echte Geschlechter“ gefordert würden – während es in Wahrheit um Identitätsbeschreibungen innerhalb eines breiten Spektrums geht.
Fazit
Die oft zitierten Zahlen wie „72 Geschlechter“ haben einen wahren Kern: Sie gehen auf real existierende Listen von Geschlechtsidentitäten zurück – prominent etwa Facebooks erweiterte Gender-Optionen oder Community-Glossare. Seriöse Quellen im Sinne wissenschaftlicher Publikationen nennen solche Fixzahlen jedoch nicht als endgültige Wahrheit; die Zahl ist eher eine praktische Auflistung. Die Werte 72 oder 76 wurden vor allem in sozialen Medien populär, nachdem sie aus dem Kontext gerissen wurden. Sie werden gezielt genutzt, um Spott über Gender-Mainstreaming zu verbreiten, indem man suggeriert, Progressive würden Dutzende absurde Geschlechter „erfinden“.
Die Analyse zeigt, dass diese Zahlen bewusst missverstanden werden: Die Listen sollten Vielfalt zeigen, keine Verbindlichkeit schaffen. Begriffe in solchen Listen überschneiden sich oft oder sind Spezialfälle – sie sollen Menschen ermöglichen, eine passende Bezeichnung für ihr Identitätsgefühl zu finden, ohne zu behaupten, es gäbe dutzende neue biologische Geschlechterarten. Wer also das nächste Mal von „72 (oder 76…) Geschlechtern“ hört, sollte wissen: Das ist ein Zahlenspiel aus dem Internet. Es gibt nicht eine feststehende Zahl von Geschlechtern, sondern eine offene Vielfalt an Identitäten. Die Zahlen wurden nur zum politischen Schlagwort, meist ohne Verständnis des eigentlichen Kontexts. Seriöse Betrachtung von Gender spricht lieber über Spektren und Identitäten als über das Abzählen von Geschlechtern.
Quellen: Die Herkunft und Verbreitung der Zahlen wurde anhand verschiedener Belege nachvollzogen – u.a. Facebooks offiziell eingeführte Gender-Optionen, medizinische Infoartikel mit Gender-Glossar, sowie Beispiele dafür, wie diese Zahlen in Debatten eingesetzt werden. Diese Quellen zeigen klar: „72 Geschlechter“ entstammt keinem wissenschaftlichen Konsens, sondern dem Zusammentreffen von gut gemeinter Inklusivität und polemischer Zuspitzung.
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