George Orwell – Antifaschistischer Sozialist, nicht rechter Vordenker

Warum George Orwell im Kulturkampf oft falsch aufgerufen wird und weshalb sein politisches Selbstverständnis dabei systematisch verschwindet.

George Orwell wird im deutschen Kulturkampf gern wie ein Notsignal aus dem Schrank gezogen. Gegen “Wokeness”. Gegen Klimapolitik. Gegen den öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Gegen jede Zumutung, die nach Moral, Regulierung oder Sprachkritik riecht. Das ist bequem, weil Orwell sofort Bilder liefert. 1984, Animal Farm, Big Brother, Neusprech: ein einziges Vorratslager politischer Alarmzeichen. Nur hat diese Verwendung einen Haken. Sie nimmt die Chiffren und entsorgt den Autor. 1 2

Denn Orwell war vieles, aber kein rechter Hausheiliger. Er war ein antifaschistischer Sozialist, und zwar nicht in jenem dekorativen Sinn, den man später milde relativiert, sondern im Kern seines politischen Denkens. Wer das ausblendet, kann ihn mühelos in fast jedes gegenwärtige Ressentiment einbauen. Wer es ernst nimmt, merkt schnell, wie schief diese Aneignung ist. 3 4

Nicht nur Feind der Tyrannei, sondern Sozialist

Das Entscheidende an Orwell ist nicht bloß, dass er autoritäre Herrschaft verabscheute. Das taten andere auch. Entscheidend ist, von wo aus er sie verabscheute. Seine Kritik an imperialer Gewalt, an Klassenverhältnissen, an Lüge als Herrschaftstechnik und an den Verheerungen des Stalinismus hängt an einem politischen Selbstverständnis, das sich nicht wegkürzen lässt. Orwell wollte nicht weniger Politik. Er wollte eine andere: nicht autoritär, nicht verlogen, nicht zynisch, sondern auf Gleichheit, Freiheit und demokratische Integrität gerichtet. 5 6

Genau deshalb kippt die heutige rechte oder rechtslibertäre Berufung auf ihn so leicht ins Falsche. Sie tut so, als genüge der Ekel vor Bevormundung schon, um Orwell auf ihrer Seite zu haben. Aber sein Misstrauen gegen Macht war nie von sozialer Blindheit begleitet. Er war kein früher Patron jener Milieus, die jede progressive Regung für den Beginn der Tyrannei halten. Eher wäre er ihnen mit demselben Verdacht begegnet, den er überall dort hatte, wo Ideologie Wirklichkeit ersetzt. 7

Der Denkfehler steckt in einer bequemen Gleichung

Die Fehllektüre lebt von einer simplen, aber erstaunlich haltbaren Gleichung: Wer totalitäre Tendenzen kritisiert, müsse doch natürlicher Verbündeter der Rechten sein. Das stimmt nur, wenn man links auf Stalinismus und Freiheit auf Marktpose reduziert. Orwell tat weder das eine noch das andere. Sein Antitotalitarismus war keine Flucht aus der Linken, sondern eine linke Grenzziehung. Er schrieb gegen Systeme, die Befreiung versprechen und Unterwerfung organisieren. Eben deshalb schrieb er so unerbittlich gegen sie an. 8 9

Wer den historischen Zusammenhang ausradiert, kann daraus bequem ein zeitloses Warnschild gegen alles Mögliche basteln. Dann wird aus Neusprech ein Pauschalurteil über gendergerechte Sprache. Aus Big Brother ein Allzwecksymbol für jede missliebige Regulierung. Aus der Kritik an ideologischer Verfälschung ein Totschläger gegen Medien, Wissenschaft oder demokratische Institutionen. Das funktioniert, weil Orwells Bilder stärker zirkulieren als seine politischen Bindungen. Es funktioniert auch, weil Symbole pflegeleichter sind als Gedanken. 10

Wie man einen Autor in eine Requisite verwandelt

Die rechte Aneignung lebt genau von dieser Pflegeleichtigkeit. Man löst ein paar Motive aus dem Werk, versieht sie mit aktueller Empörung und lässt den Rest diskret verschwinden. Übrig bleibt ein Orwell für den schnellen Gebrauch: immer warnend, nie verortet, immer anschlussfähig, nie widerspenstig. Aus einem Autor wird ein Meme. Aus politischer Analyse wird Dekoration.

Dabei verschwindet das, was Orwell eigentlich so unbequem macht. Nicht nur seine Feindschaft gegen Herrschaftslügen, sondern auch seine Abneigung gegen Zynismus, nicht nur sein Beharren auf Freiheit, sondern ebenso seine Weigerung, soziale Ungleichheit als Randthema zu behandeln. Wer ihn bloß gegen linke Gegenwartspolitik mobilisiert, benutzt ihn nicht als Leser der Wirklichkeit, sondern als Requisite im eigenen Theater.

Orwell taugt schlecht zum bequemen Lagerzeichen

Natürlich lässt sich Orwell gegen Überwachung, moralische Einschüchterung oder sprachliche Machtspiele aufrufen. Vieles in seinem Werk lädt geradezu dazu ein. Nur endet das eben nicht sauber in rechter Freiheitsrhetorik. Wer Orwell ernst nimmt, bekommt keinen Lagerautor, sondern einen Störenfried. Einen, der autoritäre Versuchungen dort angreift, wo sie Wahrheit beschädigen, Freiheit aushöhlen und Gleichheit verraten.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum er so oft handlich gemacht werden soll. Ein handlicher Orwell liefert Schlagworte. Der wirkliche Orwell stört die Erzählung. Er passt nicht verlässlich ins konservative Freiheitsdrama, weil sein Blick auf Macht nie ohne den Blick auf soziale Verhältnisse auskommt. Ihn zum rechten Vordenker umzudeuten, heißt deshalb nicht, ihn weiterzudenken. Es heißt, ihn zurechtzustutzen. Und das ist fast das Unorwellschste, was man mit ihm anfangen kann.

  1. George Orwell, Nineteen Eighty-Four, im Werk zentraler Überwachungs- und Sprachkritikbezug, 1949, https://www.penguin.co.uk/books/57013/nineteen-eighty-four-by-orwell-george/9780141036144[]
  2. George Orwell, Animal Farm, im Werk zentraler Bezug für Orwells Stalinismuskritik, 1945, https://www.penguin.co.uk/books/57014/animal-farm-by-orwell-george/9780141036137[]
  3. George Orwell, The Lion and the Unicorn: Socialism and the English Genius, programmatischer Text zu Orwells demokratischem Sozialismus, 1941, https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/the-lion-and-the-unicorn-socialism-and-the-english-genius/[]
  4. George Orwell, Why I Write, autobiografisch-politische Selbstverortung, 1946, https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/why-i-write/[]
  5. George Orwell, Homage to Catalonia, Erfahrungstext über Spanischen Bürgerkrieg, Stalinismus und antifaschistischen Kampf, 1938, https://www.penguin.co.uk/books/57012/homage-to-catalonia-by-orwell-george/9780141185736[]
  6. George Orwell, The Road to Wigan Pier, Reportage und Sozialismuskritik mit Klassenanalyse, 1937, https://www.penguin.co.uk/books/57008/the-road-to-wigan-pier-by-orwell-george/9780141185293[]
  7. George Orwell, Notes on Nationalism, Essay über ideologische Verblendung und politische Lagerlogik, 1945, https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/notes-on-nationalism/[]
  8. George Orwell, The Prevention of Literature, Essay über Totalitarismus und geistige Freiheit, 1946, https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/the-prevention-of-literature/[]
  9. George Orwell, Second Thoughts on James Burnham, Auseinandersetzung mit Machtdenken und politischem Zynismus, 1946, https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/second-thoughts-on-james-burnham/[]
  10. George Orwell, Politics and the English Language, Essay über Sprachverfall, politische Prosa und Manipulation, 1946, https://www.orwellfoundation.com/the-orwell-foundation/orwell/essays-and-other-works/politics-and-the-english-language/[]

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