Provokante Zahlen in der Gender-Debatte: Herkunft und Einordnung von „72 Geschlechtern“

Woher die Zahl kommt, warum sie ständig wiederkehrt und weshalb sie fast nie neutral gemeint ist.

Es gibt Zahlen, die längst keine Zahlen mehr sind, sondern Kampfmittel. „72 Geschlechter“ gehört in diese Klasse. Die Formel taucht in Kommentarspalten auf, in Talkshows, in Bundestagsreden, auf Social Media, fast immer in jenem Ton, der gar nichts mehr prüfen will. Sie soll nicht klären, sondern kippen. Sie soll den Eindruck erzeugen, ein Thema werde schon dadurch absurd, dass man ihm eine grell präzise Zahl umhängt.

Genau deshalb ist sie so wirksam. Zahlen tragen den Schein von Ordnung in sich. Wer „72“ sagt, spricht, als gäbe es irgendwo ein abgeschlossenes Verzeichnis, eine autorisierte Liste, eine wissenschaftlich versiegelte Vermessung des Ganzen. Doch gerade das ist die Fiktion. Die Zahl entstammt keiner verbindlichen naturwissenschaftlichen Ordnung. Ihre Karriere verdankt sie vielmehr medial zirkulierenden Listen, aktivistischen Kontexten, Fehllektüren und jener Lust an der Zuspitzung, die im Kulturkampf oft wichtiger ist als der Befund. „72 Geschlechter“ ist keine Klärung. Es ist eine Requisite. 1

Und als Requisite ist sie hervorragend gebaut. Kulturkämpfe lieben Zahlen, weil Zahlen haften. Sie lassen sich mühelos wiederholen, wirken objektiv und transportieren den Spott bereits mit. Man muss kaum noch etwas hinzufügen. Die Pointe steht schon im Raum. Aus einer komplexen Auseinandersetzung über geschlechtliche Identität, soziale Rollen, biologische Merkmale, rechtliche Anerkennung und Sprache wird ein einziger Zahlensplitter gemacht, der dann als Beweisstück herumgereicht wird: Seht her, jetzt ist alles außer Kontrolle geraten.

Das ist nicht bloß verkürzt. Es ist bequem. Denn in dieser Debatte werden sehr verschiedene Ebenen beständig ineinandergeschoben, und zwar oft mit Absicht. Biologisches Geschlecht ist nicht dasselbe wie geschlechtliche Identität. Soziale Geschlechterrollen sind nicht dasselbe wie juristische Kategorien. Kulturelle Selbstbeschreibungen sind noch einmal etwas anderes. Wer all das in eine provokante Zahl presst, schafft keine Klarheit. Er stellt Verwirrung als Klarheit aus.

Natürlich gibt es in unterschiedlichen sozialen und politischen Kontexten längere Listen von Selbstbezeichnungen. Daran ist zunächst nichts Sensationelles. Sprache reagiert immer wieder auf Erfahrungen, die lange ignoriert, unsichtbar gehalten oder grob zusammengefasst wurden. Nicht jeder neue Begriff setzt sich durch. Nicht jede Bezeichnung ist alltagstauglich. Nicht jede Liste überzeugt. Aber daraus folgt eben nicht, dass das gesamte Thema Unsinn wäre. Genau diese Abkürzung ist die polemische Leistung der Zahl. Für den deutschsprachigen Plattformkontext ist zumindest belastbar dokumentiert, dass Facebook 2014 in seiner deutschen Spracheinstellung 60 Gender-Auswahlmöglichkeiten einführte. 2

Darum wird „72 Geschlechter“ fast nie neutral verwendet. Wer sie ins Feld führt, sucht meist keine begriffliche Klärung. Gemeint ist etwas anderes: die Markierung eines Milieukonflikts. Progressiv gegen konservativ, akademisch gegen volkstümlich, urbane Szene gegen vermeintliche Normalität. Die Zahl funktioniert als Chiffre. Man muss vom eigentlichen Gegenstand nicht viel verstanden haben, um mit ihr Verachtung zu organisieren. Eben das macht sie so anschlussfähig.

Zugleich verschiebt sie die Debatte von den realen Konflikten weg und hinein in eine symbolische Manege. Plötzlich geht es nicht mehr um Diskriminierung, nicht um Selbstbestimmung, nicht um Schutzräume, nicht um medizinische Versorgung, nicht um die Frage, wie eine Gesellschaft mit Erfahrungen umgeht, die nicht sauber in vertraute Raster passen. Stattdessen kreist alles um die Vorführung einer Zahl, die wie ein Argument aussieht, aber vor allem eine Geste ist.

Seriöser wäre ein unspektakulärer Anfang: Es gibt nicht die eine offizielle Liste aller Geschlechter. Es gibt unterschiedliche Kontexte, in denen über Geschlecht gesprochen wird, und diese Kontexte verwenden unterschiedliche Begriffe. Man kann das kritisieren. Man kann einzelne Begriffe für unpraktisch halten. Man kann politische Strategien problematisch finden. Aber man sollte wenigstens benennen, wovon die Rede ist, statt eine Zahl wie ein Schlusswort zu behandeln.

Denn Spott ist keine Einordnung. Und Präzision wird nicht dadurch echt, dass sie numerisch auftritt. Gerade in aufgeheizten Debatten lohnt es sich, glatten Zahlen zu misstrauen. „72 Geschlechter“ verdankt seinen Erfolg nicht wissenschaftlicher Genauigkeit, sondern rhetorischer Brauchbarkeit. Die Formel erklärt fast nie mehr. Sie erledigt, verkürzt, karikiert. Dass einschlägige Kampfmetaphern wie der „Attack Helicopter“-Topos dabei regelmäßig mitlaufen, ist ebenfalls nicht neutral, sondern wissenschaftlich als Teil transfeindlicher Online-Hasskultur beschrieben worden. 3

Wenn diese Debatte überhaupt aus ihrer Endlosschleife aus Abwehr, Empörung und Gelächter herausfinden soll, dann nicht über immer neue Zirkuszahlen. Sondern über die schlichtere, anstrengendere Bereitschaft, Begriffe auseinanderzuhalten, Ebenen nicht mutwillig zu vermengen und Komplexität nicht schon deshalb für widerlegt zu halten, weil man eine Pointe aus ihr machen konnte.

  1. Guardian / Associated Press, Facebook expands gender options: transgender activists hail ‘big advance’, Meldung zur Einführung von rund 50 Gender-Optionen bei Facebook in den USA; früher medialer Listen- und Plattformkontext, aus dem später provokante Debattenzahlen weiterzirkulierten, 2014, https://www.theguardian.com/technology/2014/feb/13/transgender-facebook-expands-gender-options[]
  2. Facebook / Meta, Facebook erweitert Gender-Optionen jetzt auch in Deutschland, Unternehmensmeldung zur Einführung von 60 Gender-Auswahlmöglichkeiten in der deutschen Spracheinstellung; wichtig für die deutschsprachige Zahlenzirkulation, 2014, https://about.fb.com/de/news/2014/09/facebook-erweitert-gender-optionen-jetzt-auch-in-deutschland/[]
  3. Andrea Haverkamp; Finn Johnson; Michelle K. Bothwell; Qwo-Li Driskill; Devlin Montfort, Attack Helicopters and White Supremacy: Interpreting Malicious Responses to an Online Questionnaire about Transgender Undergraduate Engineering and Computer Science Student Experiences, Wissenschaftliche Einordnung des „Attack Helicopter“-Motivs als Teil transfeindlicher und weiß-suprematistischer Online-Hasskultur, 2023, https://bulletin.appliedtransstudies.org/article/2/1-2/4/[]

Leave a Reply

Your email address will not be published. Required fields are marked *

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.