Nicht der Juso-Antrag ist das Problem, sondern die Panik darum

Nicht der Juso-Antrag selbst offenbart die Schwäche der SPD, sondern die reflexhafte Panik, mit der Partei und Öffentlichkeit auf eine vertagte Juso-Forderung reagieren.

Wieder einmal tut die SPD so, als habe sie soeben eine nationale Grundsatzkrise geboren. Diesmal wegen eines Antrags der Berliner Jusos, die staatliche Zivilehe abschaffen und durch eine „Verantwortungsgemeinschaft“ ersetzen wollen. Die Empörungsmaschine sprang an wie auf Knopfdruck. Schlagzeile, Aufregung, Distanzierungen, Austrittsdrohungen. Das übliche Theater, nur wieder mit frischer Schminke.

Wer einmal tief Luft holt und auf den tatsächlichen Vorgang schaut, merkt allerdings schnell, wie klein dieses angebliche Erdbeben ist.

Erstens ist der Antrag keine Beschlusslage der SPD. Zweitens empfiehlt die Antragskommission die Vertagung. Mehr Nüchternheit braucht es zunächst gar nicht. Es gibt keine unmittelbare Entscheidung, kein reales Szenario „SPD schafft Ehe ab“, keine bevorstehende Parteirevolution. Ein beträchtlicher Teil der Debatte kreist also nicht um eine politische Tatsache, sondern um eine Schlagzeile auf Krawall gebürstet.

Das heißt nicht, dass der Antrag harmlos wäre oder automatisch klug. Man muss ihn weder verlachen noch geschniegelt verteidigen. Man muss bloß zwei Gedanken gleichzeitig aushalten, was in diesem Land oft schon als Hochleistung gilt.

Die Problemstellung selbst ist nämlich keineswegs absurd. Die Frage, warum Rechte, Schutz und soziale Absicherung so eng an eine privilegierte Lebensform gekoppelt sind, ist legitim. Auch die Idee, Fürsorgebeziehungen jenseits von Ehe und Verwandtschaft rechtlich besser abzusichern, ist weder exotisch noch wirr, sondern politisch anschlussfähig. Der Begriff Verantwortungsgemeinschaft fällt in solchen Debatten nicht zufällig immer wieder. Dahinter steckt ein reales Thema: Menschen übernehmen füreinander Verantwortung, ohne verheiratet oder verwandt zu sein, und das Recht bildet diese Wirklichkeit bislang nur mangelhaft ab.

Trotzdem ist die konkrete Zuspitzung „Ehe abschaffen“ strategisch eine andere Liga. Dann geht es nicht mehr um Entprivilegierung oder Ergänzung, sondern um Ersatz und Abschaffung. Genau dort kippt eine diskutierbare Reformfrage in eine symbolisch überladene Maximalforderung. Und natürlich lädt das Missverständnisse ein, in einer Öffentlichkeit, die auf Reizworte dressiert ist wie ein Hund auf die Pfeife.

Ohne jeden Widerspruch lässt sich also sagen: Das Problem, das der Antrag berührt, ist real. Die gewählte Lösung ist überspitzt und politisch riskant.

Für eine große Partei müsste das eigentlich kein unlösbares Problem sein. Parteijugenden waren immer Ideenlabor, Übertreibungsmaschine und Radikalitätsreserve zugleich. Auch die Jusos hatten nie die Aufgabe, bloß druckreife Regierungssprache zu liefern. In stärkeren Zeiten hätte die SPD einen solchen Antrag wahrscheinlich als das behandelt, was er ist: ein Vorstoß aus der Parteijugend, den die Mutterpartei aufnimmt, filtert, übersetzt oder verwirft.

Dass daraus heute sofort eine Existenzdebatte wird, sagt deshalb weniger über die historische Einzigartigkeit des Antrags als über den Zustand der Partei. Das eigentliche Symptom ist nicht, dass Jusos schräge oder provokante Dinge beantragen. Das tun Parteijugenden seit jeher. Das Symptom ist, dass die Nerven inzwischen so blank liegen, dass jedes Nebengeräusch wie Fliegeralarm behandelt wird.

Warum eskaliert das so schnell? Die Antwort ist unerquicklich einfach.

Da ist zuerst die Empörungslogik der Medien. „SPD-Jugend will Ehe abschaffen“ ist eine perfekte Schlagzeile: kurz, kulturell aufgeladen, emotional anschlussfähig, klickbar bis zum Anschlag. Dazu kommen soziale Medien, die genau diese Dynamik beschleunigen: Tempo, Zuspitzung, Lagerbildung, moralischer Wettbewerb um die schrillste Reaktion. Und dann ist da die SPD selbst. Eine strategisch verunsicherte Partei erlebt jede zugespitzte Debatte sofort als Gefahr für die eigene Existenz. Dann wird nicht mehr eingeordnet. Dann wird gezuckt.

Gerade deshalb ist die innerparteiliche Empörung so entlarvend. Wenn wegen eines vertagten Jugend-Antrags öffentlich mit Austritt gedroht wird oder die gewohnte Selbstzerlegung einsetzt, zeigt das vor allem geringe Konflikttoleranz. Es zeigt auch einen fatalen Reflex: sich durch demonstrative Distanzierung von der eigenen Jugend als besonders vernünftig ausstellen zu wollen. Politisch ist das fast immer dumm. Denn so übernimmt man die Agenda der äußeren Empörungsarena und bestätigt exakt den Eindruck, den die SPD dringend loswerden müsste: dass sie vor allem mit sich selbst ringt und dabei auch noch laut stöhnt.

Dabei läge eine viel souveränere Haltung offen herum. Man kann die Jusos schützen, ohne ihren Antrag inhaltlich zu übernehmen. Schutz heißt nicht Blankovollmacht. Schutz heißt zunächst, den Kontext sauber zu benennen: kein Parteibeschluss, nicht die Linie der SPD, aktuell vertagt. Und Schutz heißt auch, die eigene Jugend nicht reflexhaft zum Sündenbock zu machen, bloß weil die erste Welle schlechter Schlagzeilen anrollt. Eine erwachsene Partei müsste sagen können: Radikale Ideen sind erlaubt. Die Parteilinie entsteht aus Mehrheiten, Abwägung und Verantwortung.

Fairerweise gehört noch ein anderer Einwand dazu, und der verdient mehr als Achselzucken. Viele Menschen haben für die Ehe für alle gekämpft, nicht für die Abschaffung der Ehe. Für sie war die Öffnung der Ehe ein Symbol von Anerkennung und Rechtsgleichheit. Wenn dann plötzlich mit Formeln wie „Ehe abschaffen“ hantiert wird, wirkt das schnell wie ein symbolischer Entzug, auch wenn niemand formell Rechte zurücknehmen will. Diese Irritation ist nachvollziehbar.

Zugleich stimmt aber auch: Es gab immer eine kleinere aktivistische Linie, die Rechte grundsätzlich von der Ehe entkoppeln wollte. Zugespitzt hieß das dann: Ehe für alle, Ehe für keinen. Das ist keine erfundene Position. Es war nur nie die Mehrheitsstrategie. Gesellschaftlich erfolgreich war die Linie, die Ehe zu öffnen, nicht sie zu ersetzen.

Gerade deshalb liegt die vernünftige SPD-Antwort eigentlich auf der Hand. Keine Rechte zurückbauen. Keine symbolischen Rückwärtsdebatten. Wenn neue Modelle geschaffen werden, dann zusätzlich und absichernd. Die Ehe kann bleiben, während zugleich eine Verantwortungsgemeinschaft ergänzt wird, um reale Fürsorgeverhältnisse besser abzubilden. Und wenn man über Privilegien reden will, dann bitte so, dass soziale Realität, Care-Arbeit, Kinder, Schutz bei Trennung oder Gewalt stärker zählen als bloß der Trauschein.

So ließe sich der Konflikt sogar produktiv drehen: weg vom Kulturkampf, hin zu sozialer Sicherheit, Absicherung und Gerechtigkeit. Dort müsste eine SPD eigentlich zu Hause sein, statt sich vor jedem empörten Zwischenruf in die Büsche zu schlagen.

Der Punkt ist also nicht zuerst, dass die Jusos eine schräge oder überzogene Idee vorgelegt haben. Der Punkt ist, wie fragil Partei und Öffentlichkeit inzwischen reagieren, wenn ein einzelner, noch dazu vertagter Antrag sofort eine nationale Selbstbeschädigungsdebatte auslöst.

Eine souveräne SPD würde so etwas lesen, einordnen, moderieren, notfalls widersprechen und dann zum politischen Alltag zurückkehren, also zu den Fragen, die für Menschen wirklich zählen. Wenn sie das nicht mehr schafft, liegt das Problem nicht bei den Jusos allein. Es liegt in einer Partei, die sich von jeder vorhersehbaren Empörungswelle treiben lässt, statt wenigstens nach außen Solidarität und nach innen Souveränität zu zeigen.

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