Stell dir vor, du steigst in die U-Bahn, wirst angepöbelt – nicht wegen dem, was du glaubst oder tust, sondern wegen dem, was andere in dir sehen wollen. Genau um diese Mechanik geht es, wenn heute von antimuslimischem Rassismus die Rede ist: Menschen werden „als muslimisch“ markiert – über Namen, Aussehen, Sprache, Herkunft, manchmal über Kleidung – und diese Zuschreibung wird dann zur Begründung für Abwertung, Ausgrenzung oder Benachteiligung. Der entscheidende Punkt dabei: Betroffen sind nicht nur religiöse Musliminnen, sondern ausdrücklich auch Menschen, die **für Musliminnen gehalten** werden. 1
Dass ausgerechnet dieser Begriff in Neukölln so hochkochte, ist kein Zufall. Er ist in der SPD Neukölln zum Streitfall geworden – rund um Bezirksbürgermeister Martin Hikel, dem parteiintern vorgeworfen wurde, den Begriff bewusst zu vermeiden. 2 Und die Neuköllner Integrationsbeauftragte Güner Balcı ging noch weiter: Sie nennt „antimuslimischer Rassismus“ einen „Kampfbegriff“ und behauptet, wer so spreche, wolle Antisemitismus relativieren und Islamismus verharmlosen. 3
Dieser Text versucht beides: den Begriff so zu erklären, dass man keinen Uni-Kater davon bekommt – ohne den Inhalt weichzuspülen – und gleichzeitig die Kritik ernst zu nehmen, ohne in Sprachflucht oder Lagerdenken zu enden.
1) Worum es beim Begriff wirklich geht: Zuschreibung, nicht Theologie
Ein häufiger Kurzschluss lautet: „Islam ist doch keine Rasse – wie kann das dann Rassismus sein?“ Dazu gleich mehr. Vorher muss man verstehen, was der Begriff im Kern beschreibt.
Seriöse Definitionen – etwa in der Antwort der Bundesregierung auf eine Große Anfrage im Bundestag sowie in der politischen Bildungsarbeit – machen den Mechanismus klar: Antimuslimischer Rassismus richtet sich gegen Muslim*innen und gegen Menschen, die als muslimisch wahrgenommen werden, unabhängig von ihrer tatsächlichen Religionszugehörigkeit. 1, 4
Das ist nicht Wortklauberei, sondern der Punkt, an dem viele Debatten entgleisen. Wer meint, es gehe nur um „Religionskritik“, redet am Kern vorbei: Diskriminierung funktioniert in der Praxis selten so, dass jemand erst einen Tauf-/Moschee-/Synagogenregisterauszug verlangt. Es reicht, dass jemand „dich in eine Schublade steckt“.
2) Ein greifbares Beispiel: ein irakischer Ezide, der als „Muslim“ gelesen wird
Nehmen wir einen Fall, der die Logik ohne Theorie erklärt:
Ein Mann kommt aus dem Nordirak, spricht Kurdisch, hat einen arabisch klingenden Namen. Er ist Ezide (Êzîdî) – also Angehöriger einer eigenen Religion. Trotzdem begegnen ihm im Alltag Sprüche, Misstrauen oder Zurückweisung, weil andere ihn schlicht als „Muslim“ einsortieren.
Das ist keine reine Gedankenübung. In einem Material zu jesidisch-muslimischen Begegnungen wird ausdrücklich beschrieben, dass Jesid*innen in Deutschland teils von Teilen der Mehrheitsbevölkerung als Muslime wahrgenommen werden – und dass ihnen gegenüber dann antimuslimischer Rassismus offen ausgelebt wird. 5
Damit ist die Sache eigentlich schon erklärt: Der Begriff beschreibt eine soziale Zuschreibung, keine religiöse Eigenschaft.
Und jetzt kommt der Zusatz, der in der aktuellen Debatte wichtig ist: Wenn der Begriff korrekt verstanden wird, kann prinzipiell jede Person betroffen sein, die als „muslimisch“ gelesen wird – auch wenn sie es nicht ist. In diesem Sinn kann (je nach Kontext, Name, Herkunftszuschreibung) auch ein sephardischer Jude, ein italienischer Katholik oder ein orthodoxer Kasache Ziel antimuslimischer Abwertung werden – nicht weil sie muslimisch wären, sondern weil andere sie dafür halten. Genau diese Logik steht in den Standarddefinitionen („für Muslim*innen gehalten“). 6
Das ist wichtig für den Balcı-Punkt: Ihre These, der Begriff diene grundsätzlich zur „Verschleierung“ von Antisemitismus, ist so pauschal nicht haltbar. Der Begriff ist – korrekt ausgelegt – kein „Muslime vs. Juden“-Framing, sondern ein Werkzeug, um ein bestimmtes Zuschreibungs- und Diskriminierungsmuster sichtbar zu machen. Das ersetzt Antisemitismus nicht, relativiert ihn nicht automatisch und nimmt ihm nichts weg – es beschreibt etwas anderes. (Missbrauch ist möglich, dazu später.)
3) „Es gibt doch keine Rassen!“ – warum dieses Argument in der Praxis oft eine Nebelkerze ist
Kommen wir zu dem Satz, der in solchen Debatten wie ein Joker gezogen wird:
„Es gibt keine Rassen, also gibt es keinen Rassismus.“
Biologisch stimmt vieles daran: „Menschenrassen“ sind keine sinnvolle naturwissenschaftliche Einteilung. Nur folgt daraus nicht, dass Diskriminierung verschwindet. Moderne Forschung dreht die Kausalität um – und zwar sehr klar:
Die Jenaer Erklärung (Friedrich-Schiller-Universität Jena) formuliert es knapp und hart: Für „Rasse“ bezogen auf menschliche Gruppen gebe es keine biologische Begründung – und: „Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung.“ 7
Heißt im Klartext: Rassismus braucht keine Biologie, um zu funktionieren. Er braucht Macht zur Einteilung, zur Abwertung, zum Ausschluss. Die Kategorien werden notfalls nachgeliefert – früher offen biologistisch, heute oft über „Kultur“, „Werte“, „Identität“.
Und genau hier wird der Satz „keine Rassen“ in politischen Debatten häufig missbraucht: nicht als Biologie-Lektion, sondern als Diskussionsabbruch. Plötzlich redet man nicht mehr über Benachteiligung auf dem Wohnungsmarkt oder über pauschales Misstrauen in Behörden, sondern über die Zulässigkeit eines Wortes. Das ist bequemer – aber es löst nichts.
4) Bedeutungswandel ist normal: Warum „Rassismus“ auch ohne „Rassen“ Sinn ergibt
Die „Islam ist keine Rasse“-Kritik wirkt oft wie Präzision, ist aber häufig eine Art Scheinpräzision. Sprache bleibt nicht ewig an der wörtlichen Ursprungsidee hängen.
Alltagsbeispiel: „Sonnenaufgang“.
Wir sagen das, obwohl die Sonne nicht „aufgeht“, sondern die Erde rotiert. Das Wort ist nicht „falsch“, es ist ein stabiler Ausdruck für ein beobachtetes Phänomen. Genau so funktioniert Sprache.
Genauso ist „Rassismus“ heute – in seriöser Verwendung – nicht mehr an „Rassenbiologie“ gebunden, sondern beschreibt Prozesse von Rassifizierung, also die Herstellung von Gruppen als „wesensmäßig anders“ und minderwertig. Das kann biologistisch passieren, kann aber auch über Kultur/Religion laufen. Der Begriff Kulturrassismus („Rassismus ohne Rassen“) wird in einem Glossar der Universität Heidelberg sehr verständlich erklärt: Statt „Rassen“ werden „unveränderliche Kulturdefizite“ behauptet, die Abwertung bleibt. 8
5) Das „Evolution ist doch nur eine Theorie“-Gleichnis: Wie Begriffe im Alltag verdreht werden (und warum das kein Argument gegen den Inhalt ist)
Du kennst das Muster: „Evolution ist doch nur eine Theorie!“
Im Alltag heißt „Theorie“ oft „Vermutung“. In der Wissenschaft meint „Theorie“ dagegen ein breit gestütztes Erklärungsmodell, das viele Befunde zusammenführt. Die Encyclopaedia Britannica erklärt das sauber. 9
Was passiert hier? Ein Begriff aus dem Fachkontext bekommt im Alltag eine andere Färbung – und genau diese Verschiebung wird dann politisch oder ideologisch ausgenutzt.
Bei „antimuslimischem Rassismus“ läuft es ähnlich: Fachlich meint er Zuschreibung + Diskriminierungsfolgen. Im Schlagabtausch wird er manchmal so umgedeutet, als wolle er jede Islamkritik verbieten oder Islamismus unsichtbar machen. Das ist eine Verzerrung – so wie bei „Theorie“.
Der richtige Schluss lautet deshalb nicht: „Dann ist der Begriff wertlos“, sondern: Dann muss man ihn erklären und eingrenzen, statt ihn wegzuwerfen.
6) „Das ist doch akademisch“ – warum dieses Abwertungslabel gefährlich ist
„Akademisch“ wird in Debatten oft benutzt wie ein Stoppschild: „abgehoben“, „realitätsfern“, „Ideologie“. Das Problem ist: So kann man jeden Versuch, präzise über Diskriminierung zu sprechen, delegitimieren – und landet wieder bei Bauchgefühl und Empörung statt Analyse.
Gerade hier ist Präzision aber praktisch: Wenn Begriffe unspezifisch genutzt werden, verlieren sie ihren Nutzen – das wurde auch in einem Wortprotokoll im Berliner Abgeordnetenhaus betont: Unspezifische Nutzung von Begriffen wie Rassismus/Diskriminierung/Feindlichkeit untergräbt die demokratische Debatte. 10
Übersetzt: Wenn wir alles nur noch als „akademisch“ abtun, werden wir blind für Muster – und am Ende gewinnen die, die am lautesten vereinfachen.
7) Der faire Teil der Kritik: Instrumentalisierung ist möglich – aber Sprachflucht ist die falsche Antwort
Balcı hat zumindest in einem Punkt nicht Unrecht: Begriffe können instrumentalisiert werden. Sie können als Keule benutzt werden, um Diskussionen abzuwürgen; sie können in ideologischen Konflikten als Schutzschild missbraucht werden.
Dazu gibt es sogar seriöse Hinweise in der politischen Bildungsarbeit: Die bpb hat sich z.B. explizit mit der Frage beschäftigt, wie antimuslimischer Rassismus als islamistisches Mobilisierungsthema instrumentalisiert werden kann. 11
Aber: Aus „Missbrauch ist möglich“ folgt nicht „Begriff weg“. Denn das wäre ein gefährliches Prinzip: Wer am dreistesten verdreht, bestimmt am Ende die Sprache. Die bessere Reaktion lautet: Definition, Abgrenzung, Klarheit.
Und diese Abgrenzung ist eigentlich einfach:
-
Islamkritik ist legitim (Ideen sind kritisierbar).
-
Diskriminierung von Menschen aufgrund zugeschriebener Muslim-Identität ist ein eigenes Problem – benennbar, messbar, politisch bearbeitbar. 6, 4
8) Warum daraus keine „blutigen Kämpfe“ in Parteien werden sollten
Dass in einer Partei hart gestritten wird, ist normal. Problematisch wird es, wenn ein Analysebegriff zum Lagerabzeichen wird: „Wenn du das Wort nicht sagst, bist du X.“ Oder umgekehrt: „Wenn du das Wort sagst, bist du Y.“
Beides ist unerquicklich – weil es die Debatte moralisiert und entkoppelt von der Realität. Der erwachsene Umgang wäre:
-
Anerkennen, dass es das Diskriminierungsmuster gibt (Zuschreibung + Folgen).
-
Den Begriff erklären, statt ihn als Loyalitätstest zu verwenden.
-
Kritik an Instrumentalisierung zulassen, ohne gleich das Phänomen zu leugnen.
-
Und bei allen Konflikten im Kopf behalten: Sprache ist Mittel zur Verständigung, nicht die eigentliche Welt.
FAQ-Kästchen (für ans Ende des Blogposts)
Darf man den Islam kritisieren, ohne „rassistisch“ zu sein?
Ja. Religionskritik ist legitim. „Antimuslimischer Rassismus“ zielt nicht auf Kritik an Ideen, sondern auf die pauschale Abwertung und Benachteiligung von Menschen, die als muslimisch markiert werden. 4
Warum heißt es „Rassismus“, wenn Islam keine „Rasse“ ist?
Weil Rassismus nicht an Biologie hängt. Die Jenaer Erklärung sagt es klar: Es gibt keine biologischen „Menschenrassen“, und dennoch existiert Rassismus – ja mehr noch: „Rasse“ ist Ergebnis von Rassismus, nicht dessen Voraussetzung. 7
Was heißt „als muslimisch wahrgenommen“ konkret?
Dass auch Nicht-Musliminnen betroffen sein können, wenn sie für Musliminnen gehalten werden – z.B. über Name, Aussehen, Sprache. Das steht ausdrücklich so in Bundestagsmaterialien und wird in der bpb-Darstellung mit dem „von außen markiert“-Phantasma erklärt. 6, 4
Hast du ein Beispiel?
Jesidinnen: Es wird beschrieben, dass Jesidinnen in Deutschland teils als Muslime wahrgenommen werden und dann antimuslimische Abwertung erleben. 5
Relativiert der Begriff Antisemitismus – wie Balcı behauptet?
So pauschal überzeugt das nicht. Der Begriff beschreibt ein Zuschreibungsmuster, das auch Nicht-Musliminnen treffen kann, sobald sie als muslimisch gelesen werden (z.B. auch sephardische Juden in bestimmten Kontexten). Antisemitismus bleibt davon unabhängig ein eigenes Problem. Grundlage ist die Definition „für Musliminnen gehalten“. 6, 3
- Deutscher Bundestag, Drucksache 19/17069 (06.02.2020): „Antimuslimischer Rassismus trifft Menschen, weil sie für Musliminnen oder Muslime gehalten werden …“ https://dserver.bundestag.de/btd/19/170/1917069.pdf[↩][↩]
- Süddeutsche Zeitung (09.11.2025): „SPD-Bürgermeister in Neukölln Martin Hikel: Eklat erschüttert die Berliner SPD“ (Bericht zu parteiinternem Streit, u.a. Begriff „antimuslimischer Rassismus“).
https://www.sueddeutsche.de/politik/spd-berlin-eklat-martin-hikel-neukoelln-clan-kriminalitaet-li.3336352[↩] - ZEIT Online / dpa (12.11.2025): „Neuköllner Integrationsbeauftragte kritisiert die SPD“ (Zitat Balcı: „Kampfbegriff … Antisemitismus relativieren … Islamismus“).
https://www.zeit.de/news/2025-11/12/neukoellner-integrationsbeauftragte-kritisiert-die-spd
Ergänzend: Tagesspiegel (12.11.2025) zur Einordnung/weiteren Zitaten:
https://www.tagesspiegel.de/berlin/neukollns-integrationsbeauftragte-verteidigt-hikel-teile-der-spd-wollen-nicht-dass-islamistische-strukturen-bekampft-werden-14821004.html[↩][↩] - Bundeszentrale für politische Bildung (bpb):
– „Antimuslimischer Rassismus heute – eine Bestandsaufnahme“ (10.10.2019): „von außen als muslimisch markiert“, „Phantasma“.
https://www.bpb.de/themen/rassismus-diskriminierung/tagung-antimuslimischer-rassismus-2019/298337/antimuslimischer-rassismus-heute-eine-bestandsaufnahme/
– „Was ist antimuslimischer Rassismus?“ (17.12.2019) (Serie).
https://www.bpb.de/themen/infodienst/302514/was-ist-antimuslimischer-rassismus/[↩][↩][↩][↩] - Vielfalt-Mediathek (Material): „JE-MU Magazin – Jesidisch-muslimische Begegnungen“ (Passage: Jesid:innen werden als Muslime wahrgenommen und antimuslimischer Rassismus wird an ihnen ausgelebt).
https://www.vielfalt-mediathek.de/material/je-mu-magazin-jesidisch-muslimische-begegnungen[↩][↩] - Deutscher Bundestag, Drucksache 19/17069 (06.02.2020): „Antimuslimischer Rassismus trifft Menschen, weil sie für Musliminnen oder Muslime gehalten werden …“
https://dserver.bundestag.de/btd/19/170/1917069.pdf[↩][↩][↩][↩] - Friedrich-Schiller-Universität Jena (2019): „Jenaer Erklärung – Das Konzept der Rasse ist das Ergebnis von Rassismus und nicht dessen Voraussetzung“.
https://www.uni-jena.de/unijenamedia/60675/jenaer-erklaerung.pdf[↩][↩] - Universität Heidelberg (UNIFY), Glossar: Begriff „Kulturrassismus“ / „Rassismus ohne Rassen“ (Stuart Hall; unveränderliche Kulturdefizite statt „Rassen“).
https://www.unify.uni-heidelberg.de/de/vielfalt/ethnische-kulturelle-nationale-herkunft/glossar[↩] - Encyclopaedia Britannica (15.12.2025): „Scientific theory“ – Bedeutung von „Theorie“ als evidenzgestütztes Erklärungsmodell.
https://www.britannica.com/science/scientific-theory[↩] - Abgeordnetenhaus von Berlin, Wortprotokoll Enquete (11.07.2025): Hinweis, dass unspezifischer Gebrauch von Begriffen (Rassismus/Diskriminierung/Feindlichkeit) ihren Nutzen untergräbt.
https://www.parlament-berlin.de/ados/19/enko/protokoll/en19-005-wp.pdf[↩] - Bundeszentrale für politische Bildung (bpb) – Radikalisierungsprävention (09.09.2019): „Antimuslimischer Rassismus als islamistisches Mobilisierungsthema“.
https://www.bpb.de/themen/infodienst/295951/antimuslimischer-rassismus-als-islamistisches-mobilisierungsthema/[↩]
Leave a Reply