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  • George Orwell – Antifaschistischer Sozialist, nicht rechter Vordenker

    George Orwell war ein Linker und Antifaschist – kein Vordenker der deutschen Rechten. Tatsächlich kämpfte Orwell 1936/37 im Spanischen Bürgerkrieg gegen Franco und seine Truppen und schloss sich den antistalinistischen Kommunisten (POUM) an (sueddeutsche.de). Als Schriftsteller bekannte er sich ausdrücklich zum demokratischen Sozialismus. Er schrieb 1946 in seinem Essay „Why I Write“ über sich selbst: „Jede ernsthafte Zeile, die ich seit 1936 zu Papier brachte, ist […] gegen den Totalitarismus und für den demokratischen Sozialismus geschrieben worden.“ (rosalux.de) (news.stanford.edu). Dieser Hintergrund ist zentral, wenn man Orwells spätere Werke wie „Animal Farm“ oder „1984“ betrachtet: Sie sind Warnungen vor Totalitarismus und Machtmissbrauch, nicht gegen Sozialstaat oder Umweltpolitik gerichtet.

    https://commons.wikimedia.org/wiki/File:George_Orwell_press_photo.jpg Abb. 1: George Orwell um 1943 – zu jener Zeit kämpfte er als Freiwilliger im Spanischen Bürgerkrieg gegen Faschismus (sueddeutsche.de; sueddeutsche.de).

    Orwells Biografie und politische Haltung

    George Orwell, geboren als Eric Arthur Blair (1903–1950), wuchs zunächst in Indien auf und arbeitete später als Polizist in Burma. Diese Erfahrungen weckten in ihm kritisches Denken über Imperialismus und Macht. Mit Beginn des Spanischen Bürgerkriegs 1936 zog Orwell – „von sozialistischen Idealen erfüllt“sueddeutsche.de – mit seiner Frau Jenny in den Krieg, um die spanische Republik gegen den faschistischen Putsch unter General Franco zu verteidigen. Er kämpfte in Barcelona in einer Miliz der POUM (Partido Obrero de Unificación Marxista), einer marxistischen, aber anti-stalinistischen Gruppe. Dabei erlebte er, wie stalinistisch geführte Kommunisten linke Antifaschisten verfolgen – eine Erfahrung, die er später in „Homage to Catalonia“ literarisch verarbeitete. Ein Granatsplitter verletzte ihn 1937 schwer, doch er überlebte und kehrte nach England zurück (sueddeutsche.de).

    Später, als kranker Schriftsteller in England, engagierte sich Orwell politisch. Er war Mitglied der Independent Labour Party, lehnte jedoch den Vaterlandsbegriff vieler Intellektueller ab und wandte sich 1941 im Essay „The Lion and the Unicorn: Socialism and the English Genius“ nochmals öffentlich dem Sozialismus zu. Darin betonte er, dass man „den Krieg nicht gewinnen“ könne, „ohne den Sozialismus einzuführen, noch den Sozialismus einrichten, ohne den Krieg zu gewinnen“ (libcom.org). Orwell betrachtete Freiheit und Demokratie als untrennbar mit sozialistischer Umverteilung verknüpft: Ohne strukturellen Machtwechsel blieben Faschismus oder autokratische Herrschaft verheerende Gefahren. Seine politische Zielsetzung zeigt sich in den eigenen Worten: Orwell erklärte, dass der wichtigste Grund, warum er überhaupt schrieb, politischer Natur sei – er verfolgte bewusst einen politischen Zweck (rosalux.de).

    Orwells Werke und Kernbotschaften

    Orwells bekannteste Romane sind „Animal Farm“ (1945) und „1984“ (1949), dazu kommen viele Essays (z.B. „Why I Write“ 1946, „Über den Nationalismus“ 1945, „Politics and the English Language“ 1946). Animal Farm ist eine Parabel auf die russische Revolution und Stalin-Diktatur: Farmtiere vertreiben die Menschen, schaffen eine egalitäre Ordnung – doch die Schweine werden bald „gleicher“ als andere. Ein berühmtes Orwell-Zitat daraus lautet: „Alle Tiere sind gleich, aber einige Tiere sind gleicher.“ Dieses Bild kritisiert nicht Sozialismus allgemein, sondern die Verräter revolutionärer Ideale durch eine neue privilegierte Kaste (hier sowjetische Funktionäre). Orwell zeigte, wie eine Revolution verkommen kann, wenn die Massen passiv bleiben oder ihre Führungselite sich korrumpiert.

    1984 ist Orwells Dystopie über ein totalitäres Regime, das Gedanken und Wahrheit radikal kontrolliert. Schauplatz ist das fiktive „Ozeanien“, wo der allgegenwärtige „Große Bruder“ herrscht. Propagandaparolen wie „Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.“ (deutschlandfunk.de) sind zentrale Motive. Winston Smith, der Held, arbeitet im Ministerium für Wahrheit und muss Geschichte umschreiben. Viele Leser deuten 1984 als Warnung vor Stalinismus oder Nationalsozialismus. Wichtig ist: Orwell attackiert jede Form von Machtmissbrauch, nicht etwa Demokratie oder soziale Gerechtigkeit. Tatsächlich schrieb er in „Politics and the English Language“, dass Faschisten sich oft hinter Worten wie „Patriot“ verstecken (Beispiel: „Marschall Pétain war ein wahrer Patriot“; libcom.org), um Tyrannei als Nationalstolz zu tarnen. Er prüfte Schlagworte wie „Freiheit“ und „Demokratie“ daraufhin, wie sie in der Politik oft hohl missbraucht werden (libcom.org).

    Orwell war sich bewusst, dass er als Schriftsteller satirisch und präventiv dachte. Er selbst nannte sein Schreiben „pamphleteerisch“ in Zeiten politischer Krise (rosalux.de). In „Why I Write“ fasste er seine Mission so zusammen: Er kämpfte „gegen den Totalitarismus und für den demokratischen Sozialismus“ (rosalux.de) (news.stanford.edu). Wichtig ist: Für Orwell war Demokratie und Sozialismus keine Widersprüche, sondern verbunden. Er kritisierte Korruption und Machtgehabe (bei Sowjets, Faschisten, aber auch beim unbelebten „Party“-System in 1984), hielt jedoch nach wie vor die Massenmobilisierung für die wirksamste Waffe gegen Faschismus. Wie er in seinem Spanienbuch schrieb: Die republikanischen Streitkräfte gewannen wichtige Schlachten erst durch den Einsatz großer Massen mit revolutionärem Bewusstsein (libcom.org).

    Die rechte Vereinnahmung in Deutschland

    Trotz dieser eindeutigen Positionen Orwells bedienen sich heute rechte und konservative Stimmen in Deutschland gerne seiner Worte – oft aus dem Kontext gerissen – um gegen „links“ oder „Grüne“ Stimmung zu machen. Der bekannte Spruch „Orwell lässt grüßen“ taucht seit Jahren an vielen Stellen des politischen Diskurses auf. Eine sprachwissenschaftliche Studie fand: Der Name George Orwell fungiert als Synonym für dystopische Überwachungsvisionen (link.springer.com). Immer öfter hört man in Debatten um Datenschutz, Netzgesetze oder politische Korrektheit Hinweise auf 1984. AfD-Politiker warnen beispielsweise vor angeblichen „Stasi-Methoden“, wenn etwa Facebook-Kommentare gelöscht werden, und sprechen vom „Orwellschen Wahrheitsministerium“ (diva-portal.org). Die AfD-Fraktionschefin Alice Weidel schrieb 2017 auf Facebook: „Willkommen in der DDR 2.0!“ in Anspielung auf das Netzwerkdurchsetzungsgesetz – ein bewusster Rückgriff auf das Bild des überwachten Staates.

    Auch andere konservative Akteure zitieren Orwell, um aktuelle Gegner zu diffamieren. Der Blogger Boris Reitschuster etwa erklärt, Orwell habe in seinen Werken den «Moskauer Diktator» Stalin kritisiert und sei „ein Linker“ gewesen – aber er nutzt gleichzeitig das berühmte Tierfarm-Zitat „Alle Tiere sind gleich, nur manche sind gleicher“, um ironisch auf heutige Verhältnisse anzuwenden. Die Zeitschrift Tichys Einblick behauptet gar, im „Orwellschen Sinne“ seien heute sogar die Grünen «nationalistisch» (weil sie sich im Besitz einer „höheren Moral“ wähnten) – ein schiefer Verweis auf Orwells Essay über Nationalismus. Dabei ignoriert sie, dass Orwell gerade davor warnte, Menschen in feste Gruppen einzuteilen.

    Im Bundestag und in Talkrunden tauchen Orwellsche Motive ebenfalls auf. Linguisten haben recherchiert, dass Referenten aller Fraktionen („Offenbarungseid“ jeder Partei zufolge) Orwells Namen benutzen – tendenziell häufiger in Warn- oder Beschwerderedeformen (link.springer.com). Linke wie rechte Politiker zitieren 1984, wenn sie sich an korrekte Sprache oder Regierungspolitik reiben. Wichtig ist: Sie zitieren meist die Bildwelt des Romans, nicht Orwells konkrete Thesen oder sein politisches Selbstverständnis.

    Falsche Zitate und Manipulation

    Manchmal wird Orwell sogar Zitate zugeschoben, die er nie geschrieben hat. Im Internet kursieren Sätze wie „Je weiter eine Gesellschaft sich von der Wahrheit entfernt, desto mehr wird sie jene hassen, die sie aussprechen“. Reuters hat so einen Fall überprüft: Das angebliche Orwell-Zitat „The people will believe what the media tells them to believe“ wurde massiv auf Facebook und Twitter geteilt. Reuters fand jedoch keinen Beleg dafür, dass Orwell das je gesagt oder geschrieben hat (reuters.com). In Wirklichkeit ist es eine Erfindung – genau wie viele weitere vermeintliche „Orwell-Zitate“, die oft pauschal Medien oder anderen als böse Anderen zuschreiben.

    Solche Falschzitate werden gezielt streuen, um einen aktuellen Gegner als Teil eines vermeintlich totalitären Systems darzustellen. Professor Alex Woloch (Stanford) und andere Wissenschaftler warnen: Bei vielen Einführungen von Animal Farm oder 1984 wurden politische Passagen weggelassen oder umgedeutet, sodass Orwell scheinbar nur Antikommunistisches geschrieben habe (news.stanford.edu) (rosalux.de). In Deutschland entsteht der Eindruck, Orwell habe sich ausschließlich gegen den Sozialismus gewandt – ein Narrativ, das manche Rechte schüren, um sich als antifaschistisch zu verkaufen. Der Verweis auf Orwell soll dann eine vermeintlich intellektuelle Legitimation liefern: „Orwell stimmt uns zu, dass […]“.

    Tatsächlich zeigen die Quellen das genaue Gegenteil: Orwell war nie ein Gegner der Demokratie oder des Sozialstaats. Seine Warnungen richteten sich stets gegen Regime, die Macht monopolisieren. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung fasst zusammen: Eine „konservative Vereinnahmung“ von 1984 widerspricht Orwells Überzeugung, wie er selbst ausführte, nämlich „für den demokratischen Sozialismus“ zu schreiben (rosalux.de). Er verwahrte sich sogar ausdrücklich dagegen, 1984 gegen den Sozialismus zu verwenden (rosalux.de). Wer Orwell heute instrumentalisieren will, blendet bewusst seine ganzheitliche Haltung aus.

    Unwissenheit oder politisches Kalkül?

    Warum kommt es zu diesen Verzerrungen? Teilweise ist Unkenntnis im Spiel: Viele Menschen kennen Orwell nur von Schlagworten wie „Neusprech“ oder „Big Brother“ und haben nie seine Essays gelesen. Sie ahnen nicht, dass er 1936 selbst im Kampf gestanden hat und sich selbst als sozialistischer Befreiungskämpfer verstand. Oft wird 1984 nur als allgemeines „Rechts-“ oder „Linksbuch“ missverstanden, ohne den historischen Kontext. Facebook-Nutzer und Influencer kopieren dafür platte Parolen von Zensur und Überwachung, um Angst zu schüren. Ein solches Posten geschieht teils reflexhaft: Man nimmt sich einen prominenten Namen (Orwell) und spannt ihn ideologisch passend. Das kommt einer politisch motivierten Rhetorik nahe.

    Doch es ist nicht nur Naivität: Viele Akteure verfolgen bewusst das Ziel, Gräben zwischen politisch Andersdenkenden zu betonen. Dabei funktioniert Orwell instrumental: Er wird zur Projektionsfläche – ein „Kollektivsymbol“ für alle Angstbilder unserer Zeit (link.springer.com) (link.springer.com). Studien belegen: Politiker nutzen Orwells Bildwelt, um Dramatik zu erzeugen und ihre Gegner zu diffamieren (diva-portal.org) (link.springer.com). Sie zitieren etwa Orwell-Wörterbücher wie „Neusprech“ oder Slogans aus 1984, um Begriffe wie „Flüchtlingspolitik“ oder „Gender-Gaga“ zu brandmarken. Oft geht es gar nicht um Wahrheit, sondern um Populismus: „Wir leben schon in 1984!“ ruft man rhetorisch, um die Debatte emotional aufzuladen.

    Recherchen zeigen, dass dieses Spiel mit Orwell-Zitaten vor allem politischen Kalkül nutzt. Der Literaturwissenschaftler Nick Fearnley stellt fest: Wer ständig von „Zensur“ redet und Orwell ins Feld führt, wolle damit Selbstrechten als Opferrolle darstellen. Franziska Schutzbach etwa beobachtet: Manche Vergleiche mit 1984 werden so inflationär benutzt, dass sie ihre Warnfunktion völlig entwerten (diva-portal.org). Man beachte, dass dieselben Menschen Orwells Hinweis ignorieren, wonach Gesellschaften in kritischen Zeiten eher „treu und brav dem Führer“ als freiheitsliebend folgten. Orwell sah nämlich einen nicht unwahrscheinlichen „Übergang zum Faschismus“ vor, wenn die Mittelklasse in Panik gerät – keineswegs aber, weil Grüne Umweltschutz fordern (bpb.de).

    Die Wirklichkeit ist also eher: Rechte Postings nutzen Orwell meist, um sich selbst als kritisch gegenüber Macht darzustellen. Dass Orwell jedoch immer selbst auf der Seite von Opposition gegen Diktatur stand, wissen sie oft nicht – oder sie verdrängen es. Manchen genügt Orwell’s dystopische Bildwelt als Alibi. Ihnen geht es nicht um einen echten intellektuellen Diskurs, sondern um Polarisierung. Ob aus Naivität oder taktischem Kalkül: Das Ergebnis bleibt, dass Orwell heute weitgehend in seinem Kern missverstanden wird.

    Fazit

    George Orwell war ein engagierter Antifaschist und Sozialist. Er lehnte jede Form von Totalitarismus ab – sei es durch Nationalsozialismus oder Stalinismus – und setzte sich für eine gerechte, demokratische Gesellschaft ein. Dies belegt sein Leben und sein Werk eindeutig (rosalux.de) (sueddeutsche.de). Die rechte Vereinnahmung Orwells in Deutschland verkennt diese Zusammenhänge: Sie kapert einzelne Begriffe oder Bilder aus „1984“ und „Animal Farm“, während sie alle anderen Aspekte seines Denkens ausblendet. Solch eine selektive Zitierweise verzerrt das Gesamtbild von Orwell.