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  • Die trügerische Macht des „gesunden Menschenverstands“ in Medien und Bildung

    Einleitung

    „Das sagt einem doch der gesunde Menschenverstand!“ – Ein Satz, der in Alltagsdebatten, Medien und sogar im Klassenzimmer oft fällt. Er suggeriert, dass etwas so offensichtlich sei, dass es keiner weiteren Belege bedarf. Tatsächlich vertritt in Umfragen ein signifikanter Anteil der Menschen die Ansicht, man solle sich eher auf den Hausverstand verlassen als auf wissenschaftliche Studien. So stimmten etwa in Österreich 37 % der Befragten zu, „mehr auf den gesunden Menschenverstand“ zu setzen als auf wissenschaftliche Erkenntnisse. Diese Haltung spiegelt eine Skepsis gegenüber wissenschaftlicher Bildung wider – als könne der eigene Alltagsverstand komplexes Wissen ersetzen. Doch was verbirgt sich hinter dieser populären Floskel, und warum ist sie problematisch? In diesem Artikel beleuchten wir kritisch, wie der Verweis auf den gesunden Menschenverstand als Ausrede für fehlende wissenschaftliche Bildung und unreflektiertes Denken dient. Wir betrachten psychologische Erkenntnisse über kognitive Verzerrungen und zeigen, wie wissenschaftliche Methoden helfen können, Denkfehler aufzudecken und zu überwinden.

    Was bedeutet „gesunder Menschenverstand“?

    Im alltäglichen Sprachgebrauch bezeichnet gesunder Menschenverstand (oft gleichbedeutend mit Hausverstand oder common sense) die vermeintlich angeborene Fähigkeit, vernünftige, pragmatische Urteile auf Grundlage von Lebenserfahrung zu fällen. Entscheidungen aus dem Bauchgefühl heraus, ohne „komplizierte Theorien“ oder Analysen, gelten landläufig als Ausdruck dieses Verstandes. Historisch wurde der Begriff positiv konnotiert: Von Aristoteles’ sensus communis bis zur Aufklärung galt der common sense als Basis intuitiver Wahrheit.

    Doch aktuelle Forschungen zeigen, dass es den gesunden Menschenverstand gar nicht gibt – zumindest nicht als allgemein geteiltes Wissen. Eine Studie der Universität Pennsylvania (2024) hat untersucht, was verschiedene Menschen für „common sense“ halten. Das Ergebnis: Was Person A als gesunden Menschenverstand ansieht, kann für Person B völlig anders sein. Kollektiv gültiger Hausverstand ist höchstens in banalen Fakten vorhanden (etwa „Dreiecke haben drei Seiten“), aber die meisten angeblichen Common-Sense-Aussagen werden nur von einer kleinen Mehrheit tatsächlich geteilt. Die Studie untergräbt somit die Annahme, gesunder Menschenverstand sei allgemeingültiges, für alle „selbstverständliches“ Wissen. Vielmehr neigen Menschen dazu, dasjenige als „Hausverstand“ zu deklarieren, was in ihr eigenes Weltbild passt.

    Noch problematischer ist, wie der Begriff eingesetzt wird: Oft fungiert er als rhetorisches Totschlagargument. Wer auf den gesunden Menschenverstand verweist, impliziert, die eigene Position sei so offensichtlich, dass weitere Beweise oder Diskussionen entbehrlich sind. Damit wird der Begriff zu einem Mittel, um Widerspruch abzuwürgen. Studien bezeichnen den „Hausverstand“ gar als Floskel ohne echten Erklärungswert. Der Publizist Alexander Grau spitzt es zu: Der Verweis darauf sei meist „der Sieg der Phrase über den Gedanken“. Mit anderen Worten: Der gesunde Menschenverstand wird in Debatten häufiger vorgeschoben, als dass er wirklich weiterhilft.

    Totschlagargument und Denkfaulheit

    Warum greifen so viele auf den gesunden Menschenverstand zurück? Kritiker weisen darauf hin, dass diese Berufung oft mit Denkfaulheit einhergeht. Ein Kommentar in politik&kommunikation formuliert drastisch: „Wer sich auf den gesunden Menschenverstand beruft, ist denkfaul.“ Dieser Ausdruck schwinge mit in Sätzen wie „Darüber müssen wir gar nicht reden“. Der Appell an den Hausverstand ersetze fundierte Argumente – tatsächlich deutet er meist auf deren Fehlen und auf mangelnde wissenschaftliche Erkenntnisse hin. Als Diskussionsbeitrag taugt das wenig: Es ist kein Beleg für vernunftorientiertes Denken, sondern oft eine Abwehr reflexiver Analyse.

    Dass der gesunde Menschenverstand mitunter zur Illusion verklärt wird, zeigen viele Beispiele. Intuitiv halten wir unsere Alltagseindrücke für verlässlich – doch die Wissenschaftsgeschichte ist reich an widerlegten „Gewissheiten“. Im 19. Jahrhundert etwa war man überzeugt, der menschliche Körper vertrage keine Fortbewegung in hoher Geschwindigkeit; Züge und Automobile galten dem damaligen Empfinden nach als gefährlich schnell. Ähnlich hätte der Hausverstand früherer Generationen die Idee des Flugzeugs als „gegen die Natur“ abgetan. Und bis heute sträubt sich unser intuitives Verständnis gegen Erkenntnisse der modernen Physik, z. B. dass wir aus unsichtbaren subatomaren Teilchen bestehen oder dass die Zeit relativ verläuft – alles Befunde, die dem naiven Alltagsgefühl widersprechen. Der Volksmund, der „gesunde Menschenverstand“, lag hier eklatant falsch. Diese Beispiele verdeutlichen: Was im Alltag offensichtlich scheint, hält einem genauen wissenschaftlichen Blick oft nicht stand. Ohne das Korrektiv systematischer Untersuchungen würden viele Irrtümer als vermeintlicher Common Sense weiterleben.

    Gerade in der Politik und Medienrhetorik wird Common Sense deshalb kritisch beäugt. Populistische Akteure stilisieren ihn gern zur Stimme des „einfachen Volkes“ und stellen ihn in Gegensatz zum vermeintlich abgehobenen Expertenwissen. So war während der Covid-19-Pandemie oft zu hören, man brauche keinen Virologen, um zu wissen, was gesunder Menschenverstand gebiete. Ähnlich im Diskurs um den Klimawandel: Einige Politiker beriefen sich auf den „Hausverstand“, um anerkannte wissenschaftliche Erkenntnisse infrage zu stellen. Das Muster ist stets gleich – komplexe Sachverhalte werden vereinfacht, Expertenwissen diskreditiert, und die eigene Meinung als angeblich natürlicher Gemeinschaftssinn dargestellt. Dies mag rhetorisch geschickt sein, führt aber zu einer Polarisierung der Debatte und begünstigt wissenschaftsfeindliche Haltungen. Historisch fand der Begriff sogar in dunklen Zeiten Anklang: Unter den Nationalsozialisten war vom „gesunden Volksempfinden“ die Rede, um grausame Ideologien als angeblich natürliche Moral zu verbrämen. Solche Extrema führen vor Augen, wie gefährlich blindes Vertrauen in einen unhinterfragten Common Sense sein kann.

    Kognitive Verzerrungen: Wenn der Hausverstand in die Irre führt

    Wieso täuscht uns unser „gesunder Menschenverstand“ so häufig? Die Kognitionspsychologie hat in den letzten Jahrzehnten zahlreiche kognitive Verzerrungen (biases) identifiziert, die systematisch zu Denkfehlern führen. Unser Gehirn arbeitet mit vereinfachenden Faustregeln – sogenannten Heuristiken – die im Alltag schnelle Urteile erlauben, aber anfällig für Fehler sind. Im Folgenden beleuchten wir drei zentrale Biases, die besonders deutlich machen, warum unreflektiertes Bauchgefühl oft danebenliegt.

    • Bestätigungsfehler (Confirmation Bias): Menschen neigen dazu, bevorzugt solche Informationen zu suchen und zu beachten, die ihre vorgefassten Meinungen stützen. Anderslautende Fakten blendet man unbewusst eher aus oder wertet sie ab. Diese Wahrnehmungsverzerrung – „Informationen so auszusuchen und zu interpretieren, dass sie das eigene Weltbild stützen“ – führt dazu, dass der eigene Hausverstand immer wieder bestätigt wird, selbst wenn er objektiv falsch liegt. In der Medienwelt verstärkt dieser Bias sogenannte Echokammern: Auf sozialen Plattformen teilen Nutzer vor allem Inhalte, die ihrer bestehenden Ansicht entsprechen, was die eigene Meinung in einer Rückkopplungsschleife immer weiter bestärkt. So entsteht leicht der Eindruck, die eigene Sicht sei allgemeiner Konsens – ein trügerischer Common Sense. Der Bestätigungsfehler kann auch im Klassenzimmer auftreten: Wenn Lehrende beispielsweise nur die Lehrmethoden wählen, die ihren etablierten Überzeugungen entsprechen, und neuere didaktische Forschung ignorieren, bleibt ihr pädagogischer common sense unangetastet, aber möglicherweise veraltet.
    • Verfügbarkeitsheuristik: Unser Urteil darüber, wie wahrscheinlich oder bedeutsam ein Ereignis ist, wird stark davon beeinflusst, wie leicht uns Beispiele dafür einfallen – wie „verfügbar“ sie in unserem Gedächtnis sind. Medienberichte können so unreflektierte Risikoeinschätzungen verzerren. Ein bekanntes Beispiel: Fragt man spontan, woran mehr Menschen sterben – an Diabetes oder durch Verkehrsunfälle –, tippt der gesunde Menschenverstand oft auf Verkehrsunfälle. Schließlich hört man in den Nachrichten ständig von tödlichen Unfällen, während Diabetes-Todesfälle selten Schlagzeilen machen. Tatsächlich aber starben etwa 2016 in Deutschland rund sechsmal mehr Menschen an Diabetes als im Straßenverkehr. Durch die mediale Verfügbarkeit überschätzen wir Unfälle dramatisch. Dieser Denkfehler heißt Verfügbarkeitsheuristik. Er zeigt, wie unser Bauchgefühl durch verzerrte Erfahrungen in die Irre geführt wird. Was der Einzelne als „gesunden Menschenverstand“ empfindet („Man liest doch dauernd von …, also muss es häufig sein“), ist oft nur ein Echo der Medienpräsenz, nicht der realen Statistik.
    • Dunning-Kruger-Effekt: Hinter diesem sperrigen Namen verbirgt sich eine besonders brisante Selbsttäuschung: Menschen mit geringer Kompetenz in einem Bereich überschätzen systematisch ihr eigenes Können. Gleichzeitig erkennen sie die Fähigkeiten wirklich Kompetenter nicht an. Kurz gesagt: Inkompetente halten sich fälschlich für kompetent. Diese kognitive Verzerrung im Selbstverständnis Unwissender führt dazu, dass gerade diejenigen, die am wenigsten über ein Thema wissen, am überzeugtesten von ihrem „Hausverstand“ sind. Ihnen fehlt die Metakognition – also die Fähigkeit, die Qualität des eigenen Wissens realistisch einzuschätzen. Ein klassisches Beispiel ist die Leugnung wissenschaftlicher Fakten: Wer etwa kaum Kenntnisse über Klimaforschung hat, meint dennoch auf Basis seines Alltagsverstands komplexe Zusammenhänge beurteilen zu können – und liegt oft völlig daneben. Beim Klimawandel zeigt sich dieses Phänomen deutlich: Einige Personen ohne Fachwissen glauben, ihr gesunder Menschenverstand sage ihnen, dass etwa CO₂ „gar keinen so großen Einfluss haben“ könne, obwohl wissenschaftliche Evidenz das Gegenteil längst bewiesen hat. Der Dunning-Kruger-Effekt ist im Bildungskontext besonders relevant: Schüler*innen (oder auch Lehrkräfte) mit geringem Verständnis eines Themas wissen oft nicht, dass sie es nicht wissen, und verlassen sich umso mehr auf vermeintlich selbstevidentes Laienwissen. Dadurch wird der Anreiz genommen, dazuzulernen – man wähnt sich ja schon im Recht.

    Diese drei Beispiele sind nur ein Ausschnitt aus den zahlreichen kognitiven Biases, die Psycholog*innen dokumentiert haben. Die englischsprachige Wikipedia zählt Dutzende solcher Denkfallen auf. Sie alle unterminieren die Idee, dass unser ungeprüfter Menschenverstand automatisch zur Wahrheit führt. Im Gegenteil: Systematische Denkfehler sind eher die Regel als die Ausnahme. Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat gezeigt, dass unser Gehirn in zwei Modi arbeitet: System 1, das schnelle, automatische, intuitive Denken, und System 2, das langsame, anstrengende, logische Denken. Viele Verzerrungen entstehen dadurch, dass wir uns auf System 1 verlassen – den blitzschnellen Hausverstand –, obwohl eine gründliche Analyse durch System 2 nötig wäre. Unser Gehirn bevorzugt die kognitive Abkürzung, denn sie fühlt sich mühelos und „richtig“ an. Doch diese Abkürzungen waren allenfalls in der evolutionären Steinzeit zuverlässig; für die komplexe Welt moderner Wissenschaft und Medien reichen sie oft nicht aus.

    Bildung: Wissenschaft vs. „Hausverstand“

    Die problematische Rolle des gesunden Menschenverstands zeigt sich deutlich im Bildungswesen. Hier prallen Alltagsintuition und wissenschaftliche Erkenntnis regelmäßig aufeinander. Einerseits soll Bildung ja kritisches Denken fördern – andererseits bringen Lernende wie Lehrende unvermeidlich ihre „gesunden Menschenverstand“ in den Prozess mit ein. Wird dieser nicht reflektiert, können Fehlvorstellungen verfestigt werden.

    Zum einen können Lehrkräfte versucht sein, pädagogische Erkenntnisse und Studienergebnisse vorschnell abzutun, nach dem Motto: „Das bestätigt doch nur, was wir längst aus gesundem Menschenverstand wissen.“ Eine aktuelle Analyse bezeichnet dies als wissenschaftsbezogenes Fehlkonzept: Personen mit begrenzter wissenschaftlicher Expertise – z. B. in der Bildungsforschung – neigen dazu, evidenzbasierte Empfehlungen als trivialen Hausverstand abzuwerten. So könnten Lehrkräfte etwa neue bildungswissenschaftliche Befunde ignorieren, weil sie glauben, diese enthielten nichts Neues gegenüber der eigenen Erfahrung. In Wahrheit verkennen sie damit die Tiefe und möglichen Überraschungen der Forschung. Ein Beispiel: Die Bildungsforschung zeigt, dass aktivierende Lernmethoden oft erfolgreicher sind als bloßer Frontalunterricht – doch dem Hausverstand mancher Lehrer galt lange: „Lehre ist eben, wenn der Lehrer vorne steht und erklärt.“ Solche Ansichten beruhen auf persönlichen Erfahrungen und Traditionswissen, nicht auf systematischer Evidenz. Wenn Lehrkräfte sich nur auf ihr Bauchgefühl verlassen, riskieren sie, didaktische Best Practices zu verpassen oder gar kontraproduktive Methoden fortzuführen.

    Zum anderen betrifft es die Schülerinnen selbst: Viele naturwissenschaftliche oder mathematische Konzepte widersprechen dem spontanen Alltagsverstand. Etwa „Schwere Gegenstände fallen schneller zu Boden als leichte“ – das schien dem Hausverstand bis Galilei selbstverständlich, ist aber physikalisch falsch. Im Unterricht kollidiert dann der intuitive Präkonzept (hier: schwer fällt schneller) mit der wissenschaftlichen Erklärung (unabhängig von der Masse, im Vakuum fallen Körper gleich schnell). Nur durch gezieltes Experimentieren und Reflexion kann das gefühlte Wissen korrigiert werden. Ohne Anleitung laufen Lernende Gefahr, an ihren irrigen Intuitionen festzuhalten. Deshalb ist ein zentrales Bildungsziel, den Umgang mit kognitiven Verzerrungen zu lehren: Schülerinnen müssen erkennen, dass ihr erster Impuls nicht immer stimmt, und sie sollen wissenschaftliche Methoden anwenden, um zuverlässigere Erkenntnisse zu gewinnen.

    Auch im Bereich der gesellschaftlichen Bildung – etwa Medienkompetenz – ist Wachsamkeit geboten. Junge Menschen sollen früh lernen, Quellen kritisch zu prüfen und nicht jeder scheinbar „gesunden“ Schlagzeile zu trauen. Etwa behaupten manche Boulevardmedien oder Internetmythen Dinge, die dem vermeintlichen Menschenverstand schmeicheln („Natürlich verursachen Chemtrails unsere Krankheiten, das sieht man doch“). Hier muss Bildung ansetzen und vermitteln, dass solche Behauptungen einer Überprüfung standhalten müssen. Es reicht nicht, dass etwas „plausibel klingt“. Wissenschaftliche Evidenz ist oft kontraintuitiv, und gerade deshalb muss man lernen, seinem Denken nicht blind zu vertrauen, sondern es zu hinterfragen. Wie der Psychologe B. R. Myers ironisch bemerkte: „Gesunder Menschenverstand kann jede Bildung ersetzen – außer wahre Bildung.“ Bildung bedeutet eben auch, die Grenzen des eigenen Hausverstands zu erkennen.

    Medien: Zwischen „Common Sense“ und Faktencheck

    In der Medienlandschaft zeigt sich die Zwiespältigkeit des gesunden Menschenverstands besonders deutlich. Einerseits verlangen Medienberichte Verständlichkeit und Anschluss an die Alltagserfahrung des Publikums – Nachrichten sollen mit gesundem Menschenverstand nachvollziehbar sein. Andererseits sind Medien zugleich Gatekeeper komplexer Informationen, die häufig kontraintuitiv sind. Dieses Spannungsfeld birgt Risiken: Vereinfachung, Confirmation Bias und die Verklärung von Meinungen als „Volksverstand“.

    Wie zuvor erwähnt, begünstigen soziale Medien bereits durch ihre Struktur die Tendenz, dass wir vor allem jene Inhalte wahrnehmen, die unseren Erwartungen entsprechen. Algorithmen zeigen uns „mehr vom Gleichen“. Dadurch kann sich der Eindruck verfestigen, die eigene Sicht sei der offensichtliche Common Sense, wo doch in Wahrheit eine Filterblase am Werk ist. Der Medienwissenschaftler Sascha Lobo beschreibt den Mechanismus treffend: Die kognitive Verzerrung namens Bestätigungsfehler sorgt dafür, dass wir Inhalte selektieren, „die das eigene Weltbild stützen“. Likes, Shares und abonnierte Kanäle tun ein Übriges – am Ende hält man seine persönlich zugeschnittene Info-Welt für repräsentativ. So entsteht in digitalen Öffentlichkeiten oft ein Polarisierungseffekt: Jede Seite wirft der anderen vor, den „gesunden Menschenverstand“ verloren zu haben, während man sich selbst in der Echokammer seiner Meinung wiegt. Fake News und Verschwörungsmythen gedeihen in diesem Klima besonders gut, da sie an vorgefasste gefühlte Wahrheiten appellieren und komplexe Realitäten in scheinbar einleuchtende Geschichten gießen.

    Auch traditionelle Medien stehen vor der Herausforderung, einerseits anschaulich zu berichten, andererseits nicht zu simplifizieren. Oft werden Expertenaussagen in Talkshows mit der Gegenrede eines „Menschen von der Straße“ konfrontiert, um Ausgewogenheit zu simulieren – als stünden fundierte Evidenz und laienhafter Common Sense auf einer Stufe. Dies kann den Eindruck erwecken, wissenschaftliche Fakten seien nur eine weitere Meinung, die man mit einem Spruch vom Stammtisch entkräften könne. Ein Beispiel: Während der COVID-19-Pandemie interviewten Medien nicht nur Virologen, sondern gaben auch Bürgerstimmen Raum, die Maßnahmen mit „Hausverstand“ in Frage stellten („Das Virus kann doch nicht so schlimm sein, ich kenne niemanden, der krank wurde“). Solche Anekdoten entsprechen zwar dem subjektiven Empfinden Einzelner, sind aber statistisch wenig aussagekräftig. Dennoch beeinflussen sie die öffentliche Wahrnehmung stark, weil sie an intuitives Denken anschließen (Verfügbarkeitsheuristik). Kritische Medienarbeit besteht hier darin, diese Diskrepanz offenzulegen: wissenschaftliche Erkenntnis vs. Einzelfallgefühl. Wo dies versäumt wird, kann der Eindruck entstehen, die Wissenschaft verliere den Kontakt zum „normalen Menschen“. Dies wiederum befeuert Wissenschaftsskepsis.

    Positiv formuliert, liegt gerade hierin eine Verantwortung der Medien: Sie können den gesunden Menschenverstand korrigieren, indem sie überraschen und aufklären. Gute Wissenschaftsjournalist*innen schaffen es, komplexe Daten so zu erläutern, dass verständliche Geschichten entstehen, ohne dem Zwang der Übervereinfachung zu erliegen. Ein Beispiel dafür war die Berichterstattung zur Klimakrise in einigen Qualitätsmedien: Anstatt einfache Wetterphänomene als Belege zu nehmen („heißer Sommer = Klimawandel, kalter Winter = doch keiner“), erklärten sie den Unterschied zwischen Wetter und Klima und zeigten mit Langzeitkurven und wissenschaftlichen Modellen, warum der Hausverstand beim Thema Klima oft irreführend ist. Solcher Journalismus fordert das Publikum heraus, den eigenen Wahrnehmungen zu misstrauen und genauer hinzuschauen – ganz im Sinne wissenschaftlichen Denkens.

    Nicht zuletzt bedienen sich aber auch Medienakteure selbst gern der Phrase vom gesunden Menschenverstand, um ihre Position zu stärken. Wie bereits erwähnt, war dies ein beliebtes Mittel populistischer Rhetorik. Politikern, die „mit Hausverstand“ handeln wollen, unterstellen oft implizit, ihre Gegner verstießen gegen eben diesen. Das kann bis zu arglistigen Verkürzungen führen. So wurde komplexe EU-Politik von manchen Boulevardzeitungen als „gegen den Hausverstand“ geschmäht, obwohl die Materie differenzierter war, als es der Stammtisch glaubt. Hier zeigt sich die manipulative Kehrseite: Der Appell an den Common Sense kann bewusst eingesetzt werden, um Stimmung zu machen und rationales Hinterfragen zu unterdrücken.

    Wissenschaftliche Methodik als Korrektiv

    Angesichts der Fallstricke des ungefilterten Menschenverstands stellt sich die Frage: Wie entkommt man der Common-Sense-Falle? Die Antwort der Aufklärung lautet seit jeher: durch Wissenschaft – und die Haltung, die mit ihr einhergeht. Wissenschaftliche Methodik ist im Kern darauf ausgelegt, die Fehlerquellen subjektiven Denkens zu minimieren. Nach Karl Popper bedeutet das zum Beispiel, aktiv nach widerlegenden Befunden zu suchen statt nach bestätigenden. Diese falsifikatorische Haltung ist das Gegenteil dessen, was der Bestätigungsfehler uns eingibt. Ein Wissenschaftler, der seine Hypothese testen will, versucht gezielt, sie zu erschüttern – wer das nicht schafft, gewinnt Vertrauen in ihre Gültigkeit. Der Laie mit Hausverstand hingegen neigt dazu, nach Beispielen zu suchen, die seine Meinung bestätigen (confirmation bias). Dieses einfache Prinzip zeigt schon, warum wissenschaftliches Denken zu verlässlicheren Ergebnissen führt: Es konfrontiert den Verstand mit unangenehmen Datenpunkten, anstatt sie auszublenden.

    Zudem folgt die Wissenschaft strengen Gütekriterien: Ergebnisse müssen reproduzierbar, überprüfbar und transparent sein. Persönliche Überzeugungen werden – idealerweise – an objektiven Daten gemessen. Natürlich ist auch Wissenschaft ein von Menschen betriebenes Unterfangen und damit nicht völlig frei von Biases. Doch durch Peer-Review, Statistiken und methodische Standards werden individuelle Fehlurteile eher ausgemerzt als im informellen Alltag. Wissenschaftliches Denken kultiviert Eigenschaften, die dem unreflektierten Common Sense fehlen: Neugierde, Skepsis und Bescheidenheit. Neugier, um bestehende Annahmen zu hinterfragen; Skepsis, um nicht jeder naheliegenden Erklärung zu trauen; Bescheidenheit, um die Möglichkeit des Irrtums einzukalkulieren. Sozialpsychologe David Myers nennt dies die „wissenschaftliche Haltung“ – neugierig, skeptisch und demütig gegenüber der eigenen Fehlbarkeit. Genau diese Haltung hilft, kognitive Verzerrungen aufzudecken.

    Ein weiterer Beitrag kommt von der Kognitionspsychologie selbst. Indem sie unsere Denkfehler systematisch katalogisiert, liefert sie uns das Rüstzeug, um uns selbst kritisch zu prüfen. Allein das Wissen über Biases kann deren Einfluss mindern: Wer z. B. vom Confirmation Bias gehört hat, wird eher darauf achten, auch Gegenpositionen zu lesen. Psychologen empfehlen konkrete Strategien, um Denkverzerrungen entgegenzuwirken. Dazu zählen:

    • Aktive Selbstreflexion: Sich der eigenen Überzeugungen bewusst werden und regelmäßig fragen: Warum glaube ich das? Könnte ich mich irren? Schon die bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Denkmustern erschwert automatische Fehlurteile. Methoden wie Journaling oder metakognitive Übungen fördern diese Achtsamkeit im Denken.
    • Perspektivwechsel und Dialog: Austausch mit anderen, die anderer Meinung sind, und das Einnehmen verschiedener Perspektiven hilft, die Blind Spots des eigenen Hausverstands aufzudecken. In Diskussionen sollte man aktiv nach konträren Argumenten suchen. Auch Rollenspiele oder Debatten im Unterricht können Schüler*innen beibringen, eine Frage von mehreren Seiten zu betrachten. Wichtig ist eine Kultur, in der Fragen gestellt werden dürfen und Vielfalt der Gedanken geschätzt wird.
    • Lebenslanges Lernen: Bildung ist das beste Gegenmittel gegen die Illusion des Wissens. Je mehr fundiertes Wissen man sich aneignet, desto seltener muss man auf vage Intuition vertrauen. Zudem schult interdisziplinäres Lernen die Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu durchdringen. Wer beispielsweise ein Grundverständnis von Statistik hat, ist weniger anfällig für Fehleinschätzungen à la „Traue keiner Statistik…“. Fortbildung von Lehrkräften in wissenschaftlicher Methodik kann verhindern, dass diese – aus Unkenntnis – evidenzbasiertes Wissen als bloßen Hausverstand abtun.
    • Kritische Informationsprüfung: In Zeiten von Informationsflut ist es essenziell, Quellen zu prüfen und Fakten zu verifizieren. Eine gesunde Skepsis gegenüber zu einfachen Erklärungen ist angebracht. So sollten Medienkonsument*innen insbesondere bei Informationen, die genau das eigene Weltbild bedienen, innehalten und gegenprüfen – getreu dem Motto: „Wenn es zu gut passt, um wahr zu sein, schau zweimal hin.“ Fact-Checking-Angebote, wissenschaftsjournalistische Formate und der Blick in Primärquellen sind Werkzeuge, um den Verstand an belastbare Daten zu binden statt an das Gerücht vom Nachbarn.

    Diese Ansätze zeigen: „Gesunder Menschenverstand“ im besten Sinne entsteht nicht von selbst, sondern muss kultiviert werden – durch Bildung, Übung und die richtige Portion Zweifel. Ironischerweise könnte man sagen: Erst wenn man gelernt hat, dem ungeschulten Hausverstand zu misstrauen, entwickelt man einen wirklich gesunden Menschenverstand, nämlich einen aufgeklärten.

    Fazit

    Der Begriff gesunder Menschenverstand umweht eine Aura des Bodenständigen und Zuverlässigen. Doch wie wir gesehen haben, ist er oft mehr Schein als Sein. Allzu leicht dient er als bequeme Ausrede, um sich vor tiefergehender Analyse zu drücken – nach dem Motto: „Brauche ich nicht zu verstehen, mein Gefühl sagt mir schon, was stimmt.“ Gerade in Medien und Bildung erweist sich dieser Verzicht auf Reflexion als gefährlich. Er öffnet Türen für Fehlinformation, Vorurteile und das Beharren auf widerlegten „Wahrheiten“. Der Common Sense erscheint dann als trügerischer Kompass, der uns immer im Kreis um unsere eigene Voreingenommenheit führt.

    Demgegenüber steht die Haltung der Wissenschaft und des kritischen Denkens, die fordert, unser Urteil stets an Evidenz zu messen und bereit zu sein, den eigenen Überzeugungen zu widersprechen. Die Kognitionspsychologie hat uns vor Augen geführt, dass wir uns nicht auf die scheinbare Selbstverständlichkeit unserer Wahrnehmung verlassen sollten – unser Gehirn ist kein neutraler Richter, sondern ein oft irrendes Instrument. Doch anstatt darüber zu verzweifeln, können wir diese Erkenntnis nutzen: Indem wir uns unserer Denkfehler bewusst werden, können wir aktiv gegensteuern.

    In einer Welt, in der Fake News und Populismus den „Hausverstand“ beschwören, ist es umso wichtiger, wissenschaftliche Bildung und Medienkompetenz zu stärken. Ein kritisch gebildeter Mensch wird den Unterschied kennen zwischen dem, was ihm sein Gefühl eingibt, und dem, was Fakten und valide Methoden belegen. Letztlich sollten wir den Mut haben, unseren gesunden Menschenverstand zu hinterfragen. Denn wahrhaft gesund ist ein Verstand erst, wenn er gelernt hat, sich selbst nicht blind zu vertrauen. Oder um es pointiert auszudrücken: Der beste Freund des gesunden Menschenverstands ist die kritische Vernunft – ohne sie läuft er Gefahr, nur eine wohlklingende Illusion zu bleiben.

    Literatur und Quellen:

    • Beer, Romana: „Gesunder Menschenverstand“ ist individuell. science.ORF.at, 17.01.2024.
    • Herrmann, Sebastian: Den einen „gesunden Menschenverstand“ gibt es nicht. Süddeutsche Zeitung, 18.01.2024.
    • politik&kommunikation: Der gesunde Menschenverstand. 28.11.2023.
    • Stangl, Werner: Bestätigungsfehler. Online-Lexikon für Psychologie & Pädagogik, 2022.
    • DER SPIEGEL: Der „Menschenverstand“ ist ein Schwachkopf. 25.01.2019.
    • Pieschl, Stephanie & Glumann, Nicola: Wissenschaft kann endgültige und wahre Antworten liefern, oder nicht? In: Mythen und Fehlvorstellungen in Schule und Unterricht. Springer, 2022.
    • Human-Factors Hamburg: Dunning-Kruger-Effekt (Glossar).
    • Zeitarbeit-Akademie: Kognitive Verzerrungen: Entscheiden Sie klüger! 2023.
    • OpenEvo (MPI): Schnelles und langsames Denken. 2021.
    • Gallup / ÖAW: Wissenschaftsbarometer Österreich. 2022.
  • Provokante Zahlen in der Gender-Debatte: Herkunft und Einordnung von „72 Geschlechtern“

    In sozialen Netzwerken und Debatten tauchen oft provokante Aussagen wie „Es gibt 72 Geschlechter“ oder „Mittlerweile sogar 76 Geschlechter“ auf. Solche Zahlen werden meist spöttisch verwendet, um die Geschlechtervielfalt oder Gender-Themen ins Lächerliche zu ziehen. Häufig fallen dann auch ironische Sprüche wie „Ich identifiziere mich als Apache-Kampfhubschrauber“. Im Folgenden untersuchen wir, woher diese konkreten Zahlen stammen, ob es seriöse Quellen dafür gibt, und wie sie aus dem Kontext gerissen werden, um Gender-Diversity zu karikieren. Außerdem wird erläutert, wie solche Zahlen zustande kommen und was tatsächlich dahinter steckt.

    Ursprung in seriösen Quellen oder Wissenschaft?

    Wissenschaftlich ist keine fixe Zahl von z. B. genau 72 oder 76 Geschlechtern anerkannt – Gender Studies und Psychologie sprechen vielmehr von einem Spektrum oder Kontinuum der Geschlechtsidentitäten, ohne eine endliche Liste. Allerdings gibt es Informationsquellen, die solche Zahlen nennen. Ein Beispiel ist ein medizinischer Info-Artikel (MedicineNet) von Dr. Shaziya Allarakha. Dort heißt es: „Neben männlich und weiblich gibt es 72 weitere Gender-Identitäten”. In dieser Liste werden zahlreiche Begriffe von Agender (keine Geschlechtsidentität) bis Two-Spirit aufgezählt. Wichtig ist: Solche Listen in populären Artikeln sind beschreibend gemeint – sie versuchen gängige Begriffe für Identitäten zusammenzutragen, erwecken aber teilweise den Eindruck, es gäbe eine feststehende Anzahl „von der Wissenschaft definierter“ Geschlechter. Das ist nicht der Fall; die tatsächliche Vielfalt lässt sich nicht auf eine starre Zahl festlegen.

    Offizielle Stellen oder Gesetzestexte nennen in der Regel keine derart hohen Zahlen. Staaten erkennen meist 2 oder 3 Geschlechtskategorien (z. B. in Ausweisen) an. Allerdings haben Social-Media-Plattformen und Organisationen mit LGBT*-Bezug aus praktischen Gründen umfangreiche Listen erstellt, was zum Ursprung solcher Zahlen führte (siehe nächster Abschnitt). Diese Listen sind wohl die Quelle, aus der die vielzitierten Zahlen wie 72 oder 76 überhaupt entnommen wurden. Eine akademische Quelle, die seriös genau „72 Geschlechter“ behauptet, gibt es nicht – vielmehr stammen die Zahlen aus Auflistungen von Identitäten, nicht aus Biologie-Lehrbüchern.

    Soziale Netzwerke und Listen als Ursprung der Zahlen

    Tatsächlich gehen die genannten Zahlen zu einem großen Teil auf Auswahloptionen von sozialen Netzwerken zurück. Ein prominentes Beispiel ist Facebooks Einführung zusätzlicher Geschlechtsoptionen:

    • Facebook (2014) führte im englischsprachigen Raum zunächst ~50 neue Custom Gender-Optionen ein (zusätzlich zu „male“ und „female“). In Deutschland wurden wenig später 60 Bezeichnungen eingeführt. Diese Liste umfasste etwa „androgyner Mensch“, „bigender“, „Trans Frau“* usw. – erarbeitet mit dem Lesben- und Schwulenverband, der anmerkte, dass manche Begriffe scheinbar dasselbe bedeuten. Der Grund: es gab (und gibt) keine einheitlichen Begriffe, also wurden Synonyme mit aufgenommen.
    • Spätere Erweiterungen: In Großbritannien erweiterte Facebook auf über 70 Geschlechtsoptionen. Auch in anderen Ländern/Sprachen variierte die Zahl leicht. Ein Experte beschreibt: „2014 hat Facebook 56 zusätzliche Labels hinzugefügt (mit männlich/weiblich waren es 58). Später waren es über 70 Labels.“. Hier liegt offenbar der Kern der oft genannten „72“ – Facebook bot zeitweise um die 70 Identitäts-Labels an, was viele Leute vereinfacht als „72 Geschlechter bei Facebook“ kolportierten.
    • Tumblr & Online-Communities: Unabhängig von Facebook entstanden auf Plattformen wie Tumblr umfangreiche Gender-Masterlists in LGBT*-Communities. Dort wurden Dutzende bis Hunderte mikrospezifische Begriffe für Genderidentitäten gesammelt. In englischsprachigen Foren entstand daraus spöttisch der Ausdruck „76 genders“. Dieses Schlagwort bezieht sich auf die wachsende Zahl exotischer Gender-Begriffe in bestimmten Internetkreisen. Die Zahl 76 war dabei nie eine offizielle Vorgabe – es handelt sich um einen Running Gag bzw. überzeichneten Verweis auf Tumblr-Listen, die ständig länger wurden. („76“ stand sinnbildlich für „sehr viele“ und wurde in Memes aufgegriffen, obwohl die Tumblr-Listen teils über 100 Begriffe enthielten.)

    Zusammengefasst stammen die konkreten Zahlenangaben also hauptsächlich aus praktischen Listen (wie den Profil-Optionen großer Plattformen oder Community-Masterlists). Facebooks vielfach diskutierte Gender-Liste – mit anfänglich 50–60 und später 70+ Optionen – ist vermutlich die Quelle für „72 Geschlechter“. Die Zahl 76 hingegen entstammt eher der Internet-Folklore rund um Tumblr und wurde nie von einer offiziellen Stelle so festgehalten, hat sich aber als Meme verselbstständigt.

    Aus dem Kontext gerissen und als Spott verwendet

    Die erwähnten Zahlen werden in öffentlichen Debatten fast nie im ernsthaften Kontext genannt, sondern meist um sich über Gender Studies oder Trans/Nonbinary-Menschen lustig zu machen*. Die ursprünglichen Listen hatten zum Ziel, Menschen mehr Ausdrucksmöglichkeiten zu geben – doch Kritiker präsentieren die blanke Zahl gern so, als würde behauptet, es gäbe z. B. 72 biologische Geschlechter. Das ist ein Missverständnis (teils absichtlich gestreut):

    • Bei Facebook ging es um Identitätsbezeichnungen, keine neuen biologischen Geschlechter. Dennoch wurde in polemischen Kommentaren daraus „Facebook führt 72 Geschlechter ein!“ Viele verstehen oder verdrehen es so, als würde behauptet, es gäbe 72 klar abgrenzbare Geschlechterkategorien in der Realität – was die Sache natürlich lächerlich erscheinen lässt.
    • Diese Verzerrung wird oft mit sarkastischen Beispielen kombiniert. Ein bekanntes Meme ist „I sexually identify as an attack helicopter“ – im Deutschen oft: „Ich identifiziere mich als Apache-Kampfhubschrauber“. Es entstand 2014/2015 auf Reddit/4chan und diente ausdrücklich dazu, trans und nichtbinäre Personen zu verspotten*. Die Logik dahinter: „Wenn es 72 Geschlechter gibt, dann kann ja jeder beliebigen Unsinn als Geschlecht behaupten, z.B. Hubschrauber.“ Dieses Strohmann-Argument soll Gender-Diversity absurd erscheinen lassen. (Tatsächlich gibt es natürlich keinen seriösen Ansatz, Spezies oder Objekte als „Geschlecht“ zu definieren – das Beispiel ist reine Polemik.)
    • Politische Polemik: In Deutschland haben sich insbesondere rechtskonservative Kreise dieser Zahlen bedient. So zog etwa ein AfD-Abgeordneter im Bundestag höhnisch über „72 Geschlechter“ her – in einer Aufzählung dessen, was bei „links-grüner“ Politik angeblich herauskomme, rief er: „…er bekommt offene Grenzen, Massenmigration, 72 Geschlechter und die rot-grüne Regenbogenflagge…“. Solche Aussagen lösen bei Anhängern Gelächter oder Applaus aus, weil sie die Überzeichnung verstehen: Die Zahl 72 symbolisiert hier das vermeintlich Absurde „Gender-Wahn“-Ideal der politischen Gegenseite. Auch in Kommentarspalten findet man sarkastische Hinweise, neben „Männlein und Weiblein“ müssten ja nun auch „die anderen 72 Geschlechter“ berücksichtigt werden, oft in einem Atemzug mit Forderungen nach Gendersternchen, „Quoten für Divers*“ usw. – all das als Spott über Diversität.

    Kurz gesagt: Die Zahlen wurden zum Kampfbegriff. Kaum jemand, der „72 (oder 76) Geschlechter“ sagt, tut das in neutral-wissenschaftlicher Absicht. Es ist fast immer ein sarkastisches Zitat – entweder um die Vielfalt der Geschlechtsidentitäten ins Lächerliche zu ziehen oder um anti-progressive Stimmung zu machen. Dabei wird ignoriert (oder nicht verstanden), was diese Zahlen ursprünglich bedeuten sollten.

    Wie kommen solche hohen Zahlen zustande?

    Ein wichtiger Punkt zum Verständnis: Was genau wird da gezählt? Die hohen Zahlen ergeben sich nicht dadurch, dass plötzlich Dutzende unbekannte „biologische Geschlechter“ entdeckt wurden – sondern durch die Aufzählung von Begriffen für Geschlechtsidentitäten. Diese Begriffe können sehr fein unterscheiden, teilweise auch synonym sein. Einige Gründe, warum Listen auf 50+ Einträge kommen:

    • Synonyme und Varianten: In Facebooks deutscher 60er-Liste waren Begriffe enthalten, die sich stark überschneiden. Beispielsweise tauchten sowohl „Trans-Mann“ als auch „trans Mann“* (mit Sternchen) und „Transgender Mann“ auf – im Kern sehr ähnlich. Ebenso gab es „Cisgender Frau“, „Cis-Frau“ usw.. Der LSVD erklärte dazu, man habe verschiedene Begriffe aufgenommen, weil es (2014) keine einheitliche Terminologie gab und verschiedene Menschen unterschiedliche Worte bevorzugen. Daher zählen manche Listen faktisch gleiche oder sehr ähnliche Identitäten mehrfach. Kritiker außenstehend sehen dann nur die Zahl X und halten fälschlich X vollkommen unterschiedliche Geschlechter für behauptet.
    • Feinere Identitäten: Manche Labels unterscheiden Aspekte, die im Alltag selten als „eigenes Geschlecht“ gesehen würden. Z. B. „Bigender“ (zwei Geschlechtsidentitäten), „Agender“ (keine Identität), „Genderfluid“ (wechselnde Identität) – all dies sind Selbstbeschreibungen für persönliche Identitätsgefühle. Sie erweitern das Verständnis von Gender, aber sind nicht vergleichbar mit den traditionellen Kategorien Mann/Frau. Eine Liste kann also schnell Dutzende solcher Identitäten sammeln, ohne dass die breite Öffentlichkeit sie alle kennt oder nutzt.
    • Community-Prägungen: Besonders auf Plattformen wie Tumblr entstanden sehr spezifische Begriffe (z. B. “aerogender”, “amicagender”, “voregender” usw.), oft von Einzelpersonen geprägt. Viele davon existieren fast nur in diesen Communities. Eine Masterlist führt sie der Vollständigkeit halber auf – auch wenn vielleicht nur eine Handvoll Menschen sich je so bezeichnete. So kommt etwa die im Netz kursierende Liste von 72 Gendern zustande: Sie enthält neben etablierten Identitäten auch etliche Nischenbegriffe aus Internet-Subkulturen. Die hohe Zahl spiegelt also eher die Kreativität (und teils Satire) der Community wider, nicht eine offiziell anerkannte Vielfalt im täglichen Leben.

    Zusammengefasst: Die Zahlen 72, 76 etc. entstehen durch das Zusammenzählen aller möglichen Bezeichnungen für Geschlechtsidentitäten. Dabei werden Synonyme, Feinabstufungen und seltene Begriffe mitgezählt, um niemanden auszuschließen. Es handelt sich um Labels, nicht um klar trennbare, völlig unterschiedliche Geschlechter im biologischen Sinn. Wenn Gegner der Gender-Vielfalt diese Zahlen ins Feld führen, ziehen sie meist falsch gleich, dass hier „X echte Geschlechter“ gefordert würden – während es in Wahrheit um Identitätsbeschreibungen innerhalb eines breiten Spektrums geht.

    Fazit

    Die oft zitierten Zahlen wie „72 Geschlechter“ haben einen wahren Kern: Sie gehen auf real existierende Listen von Geschlechtsidentitäten zurück – prominent etwa Facebooks erweiterte Gender-Optionen oder Community-Glossare. Seriöse Quellen im Sinne wissenschaftlicher Publikationen nennen solche Fixzahlen jedoch nicht als endgültige Wahrheit; die Zahl ist eher eine praktische Auflistung. Die Werte 72 oder 76 wurden vor allem in sozialen Medien populär, nachdem sie aus dem Kontext gerissen wurden. Sie werden gezielt genutzt, um Spott über Gender-Mainstreaming zu verbreiten, indem man suggeriert, Progressive würden Dutzende absurde Geschlechter „erfinden“.

    Die Analyse zeigt, dass diese Zahlen bewusst missverstanden werden: Die Listen sollten Vielfalt zeigen, keine Verbindlichkeit schaffen. Begriffe in solchen Listen überschneiden sich oft oder sind Spezialfälle – sie sollen Menschen ermöglichen, eine passende Bezeichnung für ihr Identitätsgefühl zu finden, ohne zu behaupten, es gäbe dutzende neue biologische Geschlechterarten. Wer also das nächste Mal von „72 (oder 76…) Geschlechtern“ hört, sollte wissen: Das ist ein Zahlenspiel aus dem Internet. Es gibt nicht eine feststehende Zahl von Geschlechtern, sondern eine offene Vielfalt an Identitäten. Die Zahlen wurden nur zum politischen Schlagwort, meist ohne Verständnis des eigentlichen Kontexts. Seriöse Betrachtung von Gender spricht lieber über Spektren und Identitäten als über das Abzählen von Geschlechtern.

    Quellen: Die Herkunft und Verbreitung der Zahlen wurde anhand verschiedener Belege nachvollzogen – u.a. Facebooks offiziell eingeführte Gender-Optionen, medizinische Infoartikel mit Gender-Glossar, sowie Beispiele dafür, wie diese Zahlen in Debatten eingesetzt werden. Diese Quellen zeigen klar: „72 Geschlechter“ entstammt keinem wissenschaftlichen Konsens, sondern dem Zusammentreffen von gut gemeinter Inklusivität und polemischer Zuspitzung.